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Sunday, September 15, 2019
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Das Versagen des Wirtschaftsliberalismus

3. überarbeitete Auflage mit Übersetzungen und einer aktuellen wirtschaftspolitischen Deutung der Herausgeber Frank P. und Gerhard Maier-Rigaud

354 Seiten ·  29,80 EUR (inklusive MwSt. und Versand)
ISBN 978-3-89518-349-2 (September 2001 )

Hardcover, Fadenheftung, Register, Schriftenverzeichnis

 
lieferbar sofort lieferbar

 

Die neoliberale Wirtschaftspolitik versagt seit einem Vierteljahrhundert bei ihrer wichtigsten Aufgabe, der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Trotzdem gilt der Neoliberalismus nach wie vor als die allein erfolgversprechende Orientierung der Wirtschaftspolitik. Diese erstaunliche Resistenz gegenüber wirtschaftlichen Fakten ist nur zu erklären mit einem festgefügten Vorverständnis, dessen Wurzeln jenseits wissenschaftlicher Ratio liegen.

Alexander Rüstow dringt in einer tiefgreifenden geistesgeschichtlichen Analyse zum Ursprung wirtschaftsliberaler Heilsgewissheit vor. Die vor allem durch stoische Einflüsse auf die christliche Theologie und die neue Wissenschaft von der Ökonomie überlieferte Vorstellung einer vorgegebenen natürlichen Ordnung führte dazu, deren Ergebnisse für sakrosankt zu halten und zu glauben, Eingriffe in diese Ordnung könnten nur negative Folgen zeitigen. Laisser-Faire gilt deshalb als die alleinige politische Option. Entsprechend sind wirtschaftliche Krisen und soziales Elend als der »göttlichen Planwirtschaft« inhärent hinzunehmen.

Auch die Aufklärung hat es nicht vermocht, den Glauben an die Existenz einer gottgewollten Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft zu überwinden. Alle großen Ökonomen des 18. und 19. Jahrhunderts blieben dieser Vorstellung verhaftet. Ihr Interesse war darauf gerichtet, die in dieser Ordnung geltenden Funktionszusammenhänge zu ergründen. Deshalb stellen sie das Gleichgewicht in den Mittelpunkt aller ihrer Überlegungen. Und deshalb interpretieren und rechtfertigen sie auch alle auftretenden Probleme als notwendige Durchgangsstadien des Weges zum Gleichgewicht. Wenn Max Weber den »Geist des Kapitalismus« als säkularisierte protestantische Ethik entdeckte, so hat Rüstow den »Geist des Liberalismus« als Säkularisierung eines deistisch-stoischen Harmonieglaubens nachgewiesen.

Die Herausgeber zeigen in ihrem eigenen Beitrag, dass auch der moderne Neoliberalismus dieser Harmonievorstellung verhaftet ist. Der dogmatische Glaube an den neoklassischen Gleichgewichtsautomatismus beherrscht die Problemwahrnehmung, die Analysen und die wirtschaftspolitischen Empfehlungen. Er liefert vermeintlich auch die Rechtfertigung für die liberalistische Aversion gegenüber dem Staat. An Hand verschiedener Politikfelder wird demonstriert, wie Gleichgewichtsverheißung und Laisser-Faire-Dogmatismus wirtschaftspolitische Entscheidungen prägen. Dem neoklassischen Liberalismus ist es nicht gelungen, seine subtheologische Prämisse, die Existenz einer vorgegebenen harmonischen Ordnung, auf die das System Wirtschaft selbsttätig zutreibt, nachzuweisen. Zu bieten hat er nur Verifizierungen durch Theoriestücke und Modelle, in denen mögliche Quellen für Instabilitäten von vornherein wegdefiniert sind. Und an erkenntnislogisch unabdingbaren Falsifizierungsversuchen hat die Gleichgewichtsökonomie ohnehin nie Interesse gezeigt.

So blockiert der neoklassische Liberalismus den Zugang zu einer problemadäquaten Wirtschaftstheorie und einer wirksamen Wirtschaftspolitik. Deshalb kann er die Risiken dynamischer Entwicklungsprozesse in komplexen arbeitsteiligen Geldwirtschaften weder erfassen noch vermeiden. Und deshalb kann er auch die im offenen System Wirtschaft liegenden Chancen, die von Liberalen so sehr beschworen werden, nicht ausschöpfen.

Kommentare

»Ein wichtiges Buch, weil es erklärt, warum die Ökonomie in den letzten Jahrzehnten die inhärente Instabilität des Wirtschaftsprozesses aus ihrem Gesichtskreis verbannt hat. Die keynesianische Fragestellung wurde durch den Glauben an die Selbstheilungskräfte verdrängt. Die Analyse des Liberalen Rüstow aus den 40er Jahren liefert das geistesgeschichtliche Fundament für die Kritik am Neoliberalismus.«

Professor Jürgen Kromphardt
TU-Berlin, Mitglied des Sachverständigenrats
zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung

»Seit zwei Jahrzehnten gibt es in Politik und Wirtschaftswissenschaften einen Mainstream, der Deregulierung und Flexibilisierung als aktive Wirtschaftspolitik und »niedrige Staats- und Sozialleistungsquoten als Benchmark für ökonomische Leistungsfähigkeit« erklärt, um gleichzeitig den Ordnungsfaktor Staat zum Störfaktor umzudeklarieren. Hier nachdrücklich darauf hinzuweisen, dass Alexander Rüstow, einer der Väter der sozialen Marktwirtschaft, schon 1932 mit einem Vortrag »Freie Wirtschaft – starker Staat« Aufsehen erregte, kann vielleicht das neoliberale Dogma wenigstens ankratzen. Vor allem »Modernisierern« und »Verschlankungsstrategen« sei dieses Buch empfohlen.«

Dr. Herbert Ehrenberg
Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung von 1976-1982

»Die Kritik Rüstows wird von den Herausgebern folgerichtig auf den »neuen« Neoliberalismus übertragen. Die vermeintlichen ökonomischen Sachzwänge erweisen sich als ideologisch. Ihre wirtschaftspolitische Umsetzung behindert den evolutiven Korridor in die transindustrielle Gesellschaft. Gezeigt wird, dass auch die »Dritten Wege« längst von neoliberalen Denkmustern geprägt sind. Erst die Abkehr vom Axiom einer vorgegebenen harmonischen Ordnung kann wieder Raum schaffen für den Primat der Politik, die sich allerdings innovativen und zeitbewussten Strategien öffnen muss.«

Professor Carl Böhret
Lehrstuhl für Politische Wissenschaft,
Hochschule für Verwaltungswissenschaften, Speyer

Das Versagen des Wirtschaftsliberalismus
Alexander Rüstow

  1. Liberalismus und Wirtschaft
  2. Wirtschaftstheologie
    1. Pythagoras, Heraklit, Stoa
    2. Wirtschaftstheologie bei den Physiokraten
    3. Wirtschaftstheologie bei Adam Smith
    4. Wirtschaftstheologie bei den Nachfolgern
    5. Zusammenfassung
  3. Fehler
    1. Passivismus
    2. Glückseligkeitsdusel
    3. Unbedingtheitsaberglaube
    4. Soziologieblindheit
    5. Übersehene institutionelle Randbedingungen
  4. Folgen
    1. Behinderungskonkurrenz statt Leistungskonkurrenz
    2. Megalomanie und Elephantiasis der Wirtschaft
    3. Vermassung der Gesellschaft
    4. Kollektivismus
    5. Pluralistische Entartung des Staates
    6. Fazit
  5. Folgerung: Erneuerung des Liberalismus

Anhänge:

  1. Religiös begründetes Laisser-faire im Islam
  2. Stoizismus und Epikureismus bei Adam Smith
  3. Laissez faire! Laissez passer!
  4. Außenhandel gottgewollt
  5. Adam Smith gegen die Subventionsgier der Unternehmer
  6. Zur Geschichte der Begriffspopularität zwischen Leistungskonkurrenz und Behinderungskonkurrenz

Das neoliberale Projekt
von Frank P. Maier-Rigaud und Gerhard Maier-Rigaud

Vorbemerkung: Erwartungen und Zweifel

  1. Ökonomisierung der Gesellschaft
    1. Orientierungen der Wirtschaftspolitik.
    2. Wettbewerb der Nationen?
    3. Sozialkosten des Marktdogmas
  2. Geistesgeschichtliche Quellen
    1. Philosophie und Religion
    2. Säkularisierung des Harmonieglaubens
    3. Liberale Rechtfertigungslehre
  3. Erkenntnisinteresse und Komplexitätsreduktion
    1. Endzeitökonomie
    2. Verifikation
    3. Abstraktionen
  4. Theoriemuster und Politikfolgen
    1. Rollenverteilung
    2. Aktionismus
    3. Diskriminierung
  5. Akteure im neoklassisch-liberalen Modell
    1. Wirte statt Unternehmer
    2. Konsumentensouveränität und Präferenzenbildung
    3. Staat als Mitspieler
  6. Grenzen struktureller Selbststeuerung
    1. Der Freiburger Imperativ
    2. Spielregeln für den Leistungswettbewerb
    3. Externalitäten
  7. Notwendigkeit der Niveausteuerung
    1. Exogene Geldversorgung
    2. Wechselbäder durch Wechselkurse
    3. Makroökonomische Instabilität
  8. Gesellschaftspolitische Rezeptionen
    1. Libertarians
    2. Kommunitaristen
    3. Neoliberalismus von links
  9. Politische Ökonomie der dritten Wege
    1. Ökonomie und Ideologie
    2. Theorie des dritten Weges?
    3. Primat der Politik

Schlussbemerkung: Das Versagen des neoklassischen Liberalismus

Alexander Rüstow: Leben und Werk
Veröffentlichungen von Alexander Rüstow
Personenregister
Sachregister

Amazon, Oktober 2009 ()

Alexander Rüstow (1885-1963) stammte aus einer alten Offiziersfamilie, durchlief das humanistische Gymnasium und studierte Mathematik, Physik, Philosophie, Altphilologie, Jurisprudenz und Nationalökonomie (in einigen Quellen wird auch noch Psychologie aufgeführt). Nach der Promotion 1908 bereitete er seine Habilitation über Parmenides vor, die wegen des 1. Weltkrieges nicht durchgeführt wurde. Am 1. Weltkrieg nahm Alexander Rüstow als Offizier teil und kam dekoriert mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse desillusioniert aus dem Krieg zurück. Zunächst bandelte er mit den Sozialisten an, wurde im Reichswirtschaftsministerium Referent für die "Nationalisierung der Kohleindustrie" und erkannte hier schnell die Grenzen der sozialistischen Planwirtschaft. 1924 wechselte Alexander Rüstow zum "Verein deutscher Maschinenbauanstalten" und wurde Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung. Im Interesse der kleineren und mittleren Unternehmen kämpfte Rüstow verstärkt gegen die Konzentration wirtschaftlicher Macht. Aus nunmehr liberaler Perspektive führte Alexander Rüstow im Zusammenspiel mit Wilhelm Röpke und Walter Eucken die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen im "Verein für Socialpolitik" über die damalige Wirtschaftslage und Wirtschaftspolitik in Frontstellung zur interventionistischen historischen Schule der deutschen Nationalökonomie. Rüstows Abteilung wurde mehr und mehr vom Reichswirtschaftsministerium als auch von den großen Wirtschaftsverbänden konsultiert. Nach der Machtübernahme Hitlers ging Alexander Rüstow ins türkische Exil und übernahm in Istanbul den Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie. Hier in der Türkei entstand das Buch "Das Versagen des Wirtschaftsliberalismus" und hier legt er die Grundlagen für sein magnum opus: "Ortsbestimmung der Gegenwart". Nach 16 Jahren in der Emigration kehrte Rüstow 1949 nach Deutschland zurück, übernahm in Heidelberg den Lehrstuhl von Alfred Weber und wurde Vorsitzender der "Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft".

Schon im September 1932 in seinem Vortrag "Freie Wirtschaft - starker Staat" vor dem "Verein für Socialpolitik" in Dresden zeigte sich der grundsätzliche Ansatz, den Alexander Rüstow zukünftig verfolgen würde. Rüstow wandte sich scharf gegen wirtschafts- und sozialpolitisches laissez-faire, da sich dann die sozialen und politischen Gegensätze verschärften. Rüstow sieht explizit ein "Versagen des Wirtschaftsliberalismus" alter Prägung, der mangels eines wirksamen Kartellrechts eine wettbewerbsfeindliche Machtkonzentration zuließ - und den Staat zur Beute von Lobbyisten gemacht hatte. Der Staat sei schwach, weil er "total" sei. Total wurde damals so verstanden, dass eine Staatsregierung schwach sei, wenn sie alles und jedes Detail regeln wolle. Das Verzetteln in derartig viele Bereich und Kleinigkeiten war für Rüstow (in Anlehnung an einen Aufsatz von Carl Schmitt) das Kennzeichen des schwachen, weil totalen, Staates. Die staatlichen Interventionen für alles und jedes, waren für Rüstow die Ursachen wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Fehlentwicklungen; jene Interventionen sollten die Gesellschaft vor den mitunter schmerzhaften Anpassungszwängen bewahren. Rüstow schlug liberale Marktinterventionen für Ausnahmefällen vor, etwa um den Strukturwandel mittels Ordnungspolitik zu beschleunigen. Mit einer Wettbewerbsordnung der klaren Spielregeln wollte Rüstow dem "Chaos einer pluralistischen Beutewirtschaft" begegnen.

Rüstow trat für einen neuen Liberalismus ein und prägte später in Paris 1938 auf dem "Colloque Walter Lippmann" den Begriff "Neoliberalismus". Scharfsichtig sah Alexander Rüstow, dass eine gefährliche Interventionsspirale droht, falls die Staatsregierung in Krisenzeiten den zentralen Akteur spielen will. Gerade mit Bezug auf jetzige Weltfinanzkrise erscheint Rüstows Beitrag im "Deutschen Volkswirt" aus dem Jahre 1932 " hochaktuell:

"Wenn Kapitalverluste drohen oder eintreten, springt man mit Staatsgarantien ein oder füllt aus öffentlichen Mitteln auf. Da die Strukturveränderungen, denen man auf diese Weise entgegenwirken will, gewöhnlich nicht stehenbleiben, sondern sich fortsetzen, muss man immer von Neuem und immer schärfer in der gleichen Gegenrichtung eingreifen, um die beabsichtigte Wirkung zu erzielen. Außerdem gewöhnen sich die Interessenten rasch an diese Nachhilfe. Der Appetit kommt beim Essen, und so ergibt sich jene Schraube mit dem schlimmen Ende, an dem wir jetzt angelangt sind."

1932 in Dresden sagte er "Der neue Liberalismus, der heute vertretbar ist und den ich mit meinen Freunden vertrete, fordert einen starken Staat, einen Staat oberhalb der Wirtschaft, oberhalb der Interessen, da, wo er hingehört."

Rüstow wollte also einen Staat, der über den partikularen Interessen steht, einen Staat der diesen Sonderinteressen gegenüber auch "nein" sagen konnte, einen Staat der konsequent eine Ordnungsrahmen (rechtlich, wirtschaftlich und gesellschaftlich) und faire Spielregeln schafft. Dabei sollten dieser Rahmen und diese Spielregeln vom Staat auch verteidigt, erhalten und geschützt werden. Wenn man so will verlangte Rüstow einen "starken Minimalstaat", der die Fehler des "laissez-faire-Staates" nicht wiederholen sollte, sondern durch die "Herrschaft des Rechtes" eine "Freiheit in Ordnung" und eine "Ordnung in Freiheit" sichern soll, dazu gehörte für Rüstow auch eine Art Marktpolizei. Dieter Haselbach Begriff vom autoritären Liberalismus ist in Bezug auf Staat im Sinne Rüstows sehr wohl stimmig.

Auch die Schrift "Versagen des Wirtschaftsliberalismus" ist von diesem Geist geprägt. Rüstows Sprache ist gespickt mit köstlichen Metaphern, man findet geradezu schillernde Formulierungen. Als Leser meint man im Dialog mit dem Autor zu stehen (Helmut Thielicke), denn es handelt sich eben nicht um trockenen Wissenschaftstext. Wortgewaltig schlug Alexander Rüstow geistesgeschichtlich den Bogen vom antiken Freiheitsbegriff bis hin zur Neuzeit, gerade hier wird seine universelle Bildung greifbar. Rüstows Anliegen sind:

- durch ein Aufbrechen der Konzentration, der Vermachtung und damit der Unterdrückung der Schwachen entgegenzuwirken;

- den Staat nicht zur Beute von Partikularinteressen, die letztlich freiheitsfeindlich sind, werden zu lassen;

- die Freiheit vor dem marktwirtschaftlichen Deismus zu schützen. Die Freiheit werde schon durch den Glauben an eine prästabilierte, göttliche Harmonie der Freiheit gefährdet. Deshalb benötige die Aufrechterhaltung der Freiheit ein ganzheitliches, soziologisch eingebettetes Regelsystem. Nur dann wäre der Satz von Adam Smith "Durch Recht und Staat blühen all die verschiedenen Tätigkeiten" zu realisieren.

Durch die mangelhafte Wehrhaftigkeit des praktizierten alten Liberalismus sei dies ab dem späten 19. Jahrhundert nicht mehr gewährleistet worden und der Staat zur Beute von Partikularinteressen verkommen.

In Bezug auf unser heute kann man sicherlich unterstellen, dass Alexander Rüstow auch heute ein scharfzüngiger und beizender Kritiker unserer zeitgenössischen Zustände sein würde. Keinesfalls können sich heute irgendwelche Vertreter des ökonomischen Mainstreams, die Sozialingenieure von links oder rechts, die makroökonomischen Gesellschaftsklempner (Keynesianer und Monetaristen), Etatisten und sonstige sozialistische Kollektivisten auf Alexander Rüstow berufen. Rüstow war ein Gegner des Umverteilungsstaates, er setzte vielmehr auf das "christliche Subsidiaritätsprinzip" und wandte sich scharf gegen ein sozialpolitisch völlig unübersichtliches Chaos an Maßnahmen. Aber auch die heutigen Libertären und Anarcho-Kapitalisten würden in Alexander Rüstow heute einen Gegner haben. In ähnlicher Form wie 1932 würde Alexander Rüstow wohl heute seine Dresdener Rede gestalten, wahrscheinlich ergänzt um eine fundierte Kritik zur überbordenden Staatsquote: geißelte er doch Ende der 1950er Jahre schon eine Staatsquote von knapp 30 % des Bruttosozialprodukts.

Doch leider lässt das Gesamtwerk Alexander Rüsows auch genügende Einfallstore für die politische Kleptokratie; z. B. war Rüstow - im Rahmen seiner Forderungen für Chancengleichheit - auch ein Verfechter konfiszierender Erbschaftssteuern. Ein Steueraufkommen: das letztendlich zur Konzentration von kaum begrenzter Macht in Hand der Regierenden führt. Außerdem darf - mit Rückblick auf die Geschichte - bezweifelt werden, ob es irgendeine Regierung schafft auf Dauer über den Partikularinteressen zu stehen; staatliche Wirtschafts- und Sozialpolitik erfolgt in Demokratien eben stets mit Blick auf die nächste Wahl.



Süddeutsche Zeitung, 5./6. Oktober 2002, S. 26 ()

... Ihnen [den Herausgebern] ist es nicht nur gelungen, dieses für einen aufgeklärten Liberalismus entscheidende Werk wieder zugänglich zu machen, sondern auch die subtheologische Prägung der modernen Wirtschsaftstheorie und -politik aufzubrechen.

Neoliberalismus als Glaube

... Alexander Rüstow, der große Soziologe und Vordenker des Ordoliberalismus, hat vor über 50 Jahren in einer akribischen geistesgeschichtlichen Analyse aufgezeigt, dass der Wirtschaftsliberalismus auf subtheologischen Vorstellungswelten gründet. Der Absolutheitsanspruch, mit dem die universelle Gültigkeit der Konkurrenzharmonie, das Übereinstimmen von Einzel- und Gesamtinteresse, postuliert wird, ist für Rüstow die wesentliche Ursache für das Scheitern des Wirtschaftsliberalismus in der Weltwirtschaftskrise.

Ökonomie als Religion? Wer glaubt, die Lehrsätze der Ökonomie würden ständig kritisch hinterfragt, der irrt. Deren Axiome sind weit mehr Ideologie und Glaubensbekenntnis als rational abgeleitetes und empirisch getestetes Grundwissen. Welcher Laie kann sich vorstellen, dass es die treibende Kraft jeder realen Ökonomie, den Gewinn der Unternehmen, im axiomatischen Gebäude der modernen Ökonomie überhaupt nicht gibt?

Eine gründlich überarbeitete Neuauflage des im Istanbuler Exils während des Zweiten Weltkrieges verfassten und seit Jahrzehnten vergriffenen Werkes "Das Versagen des Wirtschaftsliberalismus" ist jetzt von Frank und Gerhard Maier-Rigaud herausgegeben worden. Ihnen ist es nicht nur gelungen, dieses für einen aufgeklärten Liberalismus entscheidende Werk wieder zugänglich zu machen, sondern auch die subtheologische Prägung der modernen Wirtschaftstheorie und -politik aufzudecken. In einem eigenen ausführlichen Beitrag zeigen die Herausgeber, wie die Ökonomisierung der Gesellschaft mit Hilfe des Marktdogmas vorangetrieben wurde und der Harmonieglaube zur liberalen Rechtfertigungslehre mutierte. Dabei macht man eine abstrakte Tendenz zum Gleichgewicht zum zentralen Erklärungsbaustein für eine Welt, die niemals im Gleichgewicht ist. Nur deshalb kann in dieser fiktiven Welt der Arbeitsmarkt durch flexible Löhne geräumt werden. Und nur deshalb ist Geld neutral und die Geldpolitik allein für Preisniveaustabilität zuständig.

Für die Überwindung von Krisen bietet diese Wirtschaftsreligion nicht einmal einen Fingerzeig. Noch erstaunlicher: Im Gleichgewichtsdogma ist gar kein Platz für die liberale Botschaft von individueller Freiheit, Unternehmertum und offener Gesellschaft, im Gegenteil. Das Versagen der Wirtschaftspolitik und die vermeintliche Notwendigkeit einer fortschreitenden Deregulierung stellen die liberalen Errungenschaften am Ende selbst in Frage."



Wirtschaft und Gesellschaft, 3/2002, S. 447-449 ()

"...Rüstows Ausführungen zum Verhältnis von Staat und Wirtschaft sind hochaktuell, erscheinen die gegenwärtigen Forderungen nach 'Befreiung der Marktkräfte' als fernes Echo der bereits von ihm kritisierten Positionen. ...

Rüstow plädierte für einen 'dritten Weg' zwischen Scylla und Charybdis, zwischen 'historischem Liberalismus' und 'drohendem Kollektivismus'. Mit diesem Plädoyer wurde er bekanntlich zu einem der Väter der Sozialen Marktwirtschaft, um dessen 'Erneuerung' gegenwärtig Parteien wie Unternehmer bemüht sind. Rüstows aktueller Beitrag zu dieser Debatte ist seine Erkenntnis, dass 'die maßlose Überschätzung und Überbewertung der Wirtschaft eines der Krankheitssymptome des 19. Jahrhunderts und eines der Fehler des alten Liberalismus darstellt.' Dieser Satz macht deutlich, dass viele derjenigen, die heute die Soziale Marktwirtschaft reformieren und erneuern wollen, nichts von deren Sinn verstanden haben. Sie kennen und thematisieren nur einseitig die Grenzen und das Versagen des Staates, ohne Vorstellungen von den Grenzen und dem Versagen des Marktes zu haben. ...

Damit scheint sich die Geschichte im Kreis zu drehen. Nach Phasen erfolgreicher staatlicher Regulation und prosperierender Wirtschaft, die freilich auch nicht in eine allgemeine Harmonie geführt haben, erstarken solche Kräfte, die in einer Selbstregulation die beste aller Welten vermuten, ohne jedoch klare Vorstellungen von dieser zu vermitteln. Der Markt wird nicht mehr als Mittel verstanden, sondern als ein Ziel an sich. Allen, die diese Strategie verfolgen, sei das nun in einer vorzüglichen Edition vorliegende Werk Rüstows als Pflichtlektüre empfohlen. 'Es ist an der Zeit', hatte dieser festgehalten, 'die Wirtschaft trotz ihrer selbstverständlichen Unentbehrlichkeit, wieder in die ihr gebührende untergeordnete und dienende Stellung zurückzuverweisen ...'. Gerade in Zeiten, deren vorherrschendes Merkmal in der Globalisierung nationaler Märkte gesehen wird, ist dieser Satz aktueller denn je: Er beschreibt die Aufgabe des 21. Jahrhunderts."

Utopie kreativ, Juni 2002, S. 565-566 ()

Seit Jahrzehnten ist das Versagen der liberalen Wirtschaftstheorie und -politik in der Praxis unübersehbar. Trotzdem gehören die Hauptthesen des Wirtschaftsliberalismus bis heute zu den Grundüberzeugungen der Wirtschaftspolitik. Diese erstaunliche Resistenz der liberalen Orthodoxie gegenüber den wirtschaftlichen Fakten, den inzwischen eine ganz andere Sprache sprechenden ökonomischen Tatsachen gehört zu den bisher am wenigsten untersuchten, geschweige denn schlüssig interpretierten Phänomenen der Theorie- und Geistesgeschichte. Sie läßt sich offensichtlich nur erklären mit einem 'festgefügten Vorverständnis' der liberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsauffassung, deren Wurzeln 'jenseits wissenschaftlicher Ratio' liegen. Das heißt, das Beharrungsvermögen liberaler Grundsätze resultiert nicht aus ihrer Qualität als allgemeingültiger wissenschaftlicher Theorie, sondern aus ihrer Eigenschaft als Heilslehre. ...

Indem der Autor systematisch und beinahe erschöpfend die theologischen und anderen irrationalen Wurzeln der klassischen liberalen Theorie aufzeigt, liefert er das geistesgeschichtliche Fundament für die Auseinandersetzung mit dem Neoliberalismus der Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit. ... Rüstow sah, wie auch Wilhelm Röpke und Alfred Müller-Armack, in der Überwindung der Dogmen des Liberalismus einen Weg zur Rettung des Wirtschaftsmodells der Marktwirtschaft - bei Zurückdrängung seiner kapitalistischen Entartung.



Das Argument, 248/2002, S. 883-885 ()

"Die sorgfältig neu edierte Arbeit Rüstwos hat zum Ziel, die subtheologischen Vorstellungen des Wirtschaftsliberalismus herauszuarbeiten, die in einem 'Erlösungswissen' kulminieren. Er verfasste keine dogmengeschichtliche Arbeit, sondern eine Genealogie des wirtschaftsliberalen Diskurses. ...

Dass einer der bekannten Vertreter des Neoliberalismus sich kritisch mit einem Teil der Theorien darin auseinandergesetzt hat, könnte vielleicht die allzu schnelle Rede vom 'Einheitsdenken' problematisieren und verdeutlichen, dass die Auseinandersetzung differenzierter zu führen wäre."

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.10.2001 ()

"Gerade jener, dem es um die Liberalität zu tun ist, wird mit Gewinn dass dogmenhistorisch fundierte und geradezu engagiert liberale Plädoyer, das Rüstow vor nunmehr rund einem halben Jahrhundert gegen die ökonomistische Verkürzung des Liberalismus geschrieben hat, zur Kenntnis nehmen. Er wird nicht mit allem, was Rüstow zur Diskussion stellt, einverstanden sein; doch wird er, weil das Buch auch heute noch zu provozieren vermag, weniger gedankenlos ein Liberaler sein."


the authors
Prof. Dr. Frank P. Maier-Rigaud
Frank P. Maier-Rigaud Department of Economics and Quantitative Methods, IÉSEG School of Management, Lille - Economics and Management (LEM) - Centre National de la Recherche Scientifique (UMR CNRS 8179, Université Catholique de Lille
Dr. Gerhard Maier-Rigaud
in den neunziger Jahren Leiter des Referats Grundsatzfragen der Umweltpolitk im Bundesministerium der Wirtschaft. [weitere Titel]
Prof. Dr. Alexander Rüstow
Alexander Rüstow (1885-1963), war nach dem 1. Weltkrieg in sozialistischen Intellektuellenkreisen aktiv, wandelt sich aber in den 20er Jahren zum Liberalen und begründet mit Röpke und Eucken den Ordiliberalismus. 1933 Emigration in die Türkei. Nach dem Krieg Gastprofessor (1949) und Ordinarius (1950) der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und Direktor des Alfred-Weber-Instituts an der Universität Heidelberg.
dem Verlag bekannte Rezensionen
  • Amazon, Oktober 2009 mehr...
  • "Wer glaubt, die Lehrsätze der Ökonomie würden ständig kritisch hinterfragt, der irrt." ...
    Süddeutsche Zeitung, 5./6. Oktober 2002, S. 26 mehr...
  • "Allen, die diese Strategie [Deregulierung] verfolgen, sei das nun in einer vorzüglichen Edition vorliegende Werk Rüstows als Pflichtlektüre empfohlen." ...
    Wirtschaft und Gesellschaft, 3/2002, S. 447-449 mehr...
  • "... liefert er das geistesgeschichtliche Fundament für die Auseinandersetzung mit dem Neoliberalismus der Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit." ...
    Utopie kreativ, Juni 2002, S. 565-566 mehr...
  • "Die sorgfältig neu edierte Arbeit Rüstwos hat zum Ziel, die subtheologischen Vorstellungen des Wirtschaftsliberalismus herauszuarbeiten, die in einem 'Erlösungswissen' kulminieren."
    Das Argument, 248/2002, S. 883-885 mehr...
  • "Gerade jener, dem es um die Liberalität zu tun ist, wird mit Gewinn dass dogmenhistorisch fundierte Plädoyer gegen die ökonomistische Verkürzung des Liberalismus zur Kenntnis nehmen." ...
    Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.10.2001 mehr...
  • Zeitschrift für Politikwissenschaft-Bibliographie, 3/2002, S. 1195-1196
  • Mitbestimmung 1+2/2002, S. 78
  • Aussenwirtschaft, II/2003, S. 313-314
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