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 Startseite » Unternehmung  » Arbeitswelt & Gewerkschaften 

Die Gewerkschaften in der ökonomischen Theorie

Jahrbuch Ökonomie und Gesellschaft 7

"Jahrbuch Ökonomie und Gesellschaft"  · Band 7

262 Seiten ·  14,80 EUR (inklusive MwSt. und Versand)
ISBN 978-3-89518-987-6 (Januar 1989 )

Alter Preis: 58 DM

 
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John T. Addison:
On Modeling Union Behavior
Wilhelm Althammer:
Gewerkschaften als Informationsagentur
Filip Abraham:
Union and the Government: What does Economic Theory (Not) Tell Us?
Roland Eisen und Klaus Schrüfer:
Institutionelle Restriktionen für Gewerkschaften: Lohnhöhe und Beschäftigung
Lutz Bellmann:
Gewerkschaften und Arbeitsmarktrigiditäten
Claus Schnabel:
Die gewerkschaftliche Mitgliederentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland - eine ökonometrische Untersuchung
Kornelius Kraft:
Gewerkschaften, Löhne und Produktivität
Wolfgang Meyer:
Der gewerkschaftliche Einfluß auf die Geldlohndynamik
Jürgen Wahl:
Mikroökonomische Gewerkschaftstheorie und tarifliche Arbeitszeitverkürzung

Editorial

Das 1941 von Sumner H. Slichter veröffentlichte Werk "Union Policies and Industrial Management" beginnt mit den folgenden Sätzen:

"Collective bargaining, as carried on by labor unions with employers, has two principal aspects. In the first place, it is a method of price-making - making the price of labor. In the second place, it is a method of introducing civil rights into industry, that is of requiring that management be conducted by rule than by arbitrary decision. In the latter aspect, collective bargaining becomes a method of building up a system of 'industrial jurisprudence'."

Slichter beschäftigt sich dann auf knapp 600 Seiten ausschließlich und in Fallstudien mit dem zweiten Aspekt des Collective Bargaining und kommt zu dem Ergebnis, "that in important respects trade union shop rules and policies may contribute to more efficient management".

Diese im Großen und Ganzen positive, weil mit Effizienzgewinnen und mit nicht nur ökonomischen Gewinnen für eine demokratische Gesellschaft verbundene Beurteilung der Gewerkschaften, findet sich noch etwa 25 Jahre später in dem Beitrag "Gewerkschaften - Theorie", den Götz Briefs im Handwörterbuch der Sozialwissenschaften publizierte. Er betont dort u.a., es sei der Ruhmestitel der Gewerkschaften, dazu beigetragen zu haben, aus den Labouring Poor des Beginns der Industrialisierung "den gleichberechtigten, mitverantwortlichen und respektierten Arbeiter von heute gemacht zu haben. Sie haben mitgeholfen, dem arbeitenden Menschen den Status der Person zu geben". Diese positive Beurteilung der Gewerkschaften ist von der ökonomischen Theorie nie ganz geteilt worden. Aus ökonomischer Sicht werden Gewerkschaften bislang in erster Linie als monopolistische Anbieter von Arbeit begriffen, die gesamtwirtschaftlich zu statischen Effizienzverlusten führen.

Für die ökonomische Gewerkschaftsforschung gilt allerdings, wie Henry S. Farber in seinem Überblicksartikel im Handbook of Labor Economics betont:

"While the union will obviously be concerned with a wide range of employment related issues, virtually all economic research on the behavior of unions has focused on the determination of wages and employment."

In dem Monopolmodell der Gewerkschaft, das auf Dunlop zurückgeht, wird dabei davon ausgegangen, daß in der gewerkschaftlichen Nutzenfunktion Reallohn und Beschäftigung der Gewerkschaftsmitglieder berücksichtigt werden. Die Gewerkschaft handelt unter der Nebenbedingung der Nachfragefunktion nach Arbeit, d.h. des inversen Zusammenhangs zwischen Lohnhöhe und Beschäftigungsniveau. Nur der Lohnsatz wird ausgehandelt.

Die Unternehmung entscheidet über die gewinnmaximale Beschäftigung. Der aus der Perspektive der Gewerkschaft optimale Lohn liegt dort, wo die marginale Grenzrate der gewerkschaftlichen Indifferenzkurve zwischen Beschäftigung und Löhnen gleich der Steigung der Arbeitsnachfragekurve ist.

Das Monopolmodell sieht sich dem zentralen Einwand ausgesetzt, daß es nicht begründet, warum es für Gewerkschaften und Unternehmen vorteilhaft ist, nur über den Lohnsatz zu verhandeln und die Festlegung der Beschäftigung bei gegebenem Lohnsatz der Unternehmung zu überlassen.

Wie das effiziente Verhandlungsmodell von McDonald und Solow jedoch zeigt, können sich sowohl Gewerkschaften als auch Unternehmen besser stellen, wenn sie simultan über Beschäftigung und Lohnsatz verhandeln. Auch wenn das effiziente Verhandlungsmodell aus theoretischer Sicht befriedigender ist als das Monopolmodell, bleibt das Problem bestehen, daß in der Realität die Entlohnung üblicherweise Gegenstand von Tarifverhandlungen zwischen Unternehmen und Gewerkschaften ist, über die Beschäftigung aber ganz überwiegend von den Firmen entschieden wird. Theoretisch bleibt zu begründen, warum sich in der Realität die effiziente Verhandlungslösung bislang in den meisten westlichen Ländern nicht durchgesetzt hat.

Daß dieses Problem bislang im Rahmen der ökonomischen Gewerkschaftstheorie nicht befriedigend gelöst worden ist, dürfte in hohem Maße damit zusammenhängen, daß in dieser Theorie den Gewerkschaften als eine bestimmte Organisationsform ökonomischer Interessen bislang nur in unzureichenden Maße Rechnung getragen wurde. Die institutionelle Seite der Gewerkschaften ist von jeher eher durch die Industrial Relations Forschung als durch die ökonomische Gewerkschaftsforschung betont worden, die sich bislang schwer damit getan hat, die Existenz und Funktion von Gewerkschaften als eine bestimmte Organisationsforrn ökonomischer Interessen im Rahmen einer Theorie der Wettbewerbsmärkte zu begründen.

Eine interessante Verbindung zwischen der ökonomischen Gewerkschaftsforschung und der Industrial Relations Forschung ist allerdings in den letzten Jahren durch die Arbeiten von Freeman und Medoff über die "Two Faces of Unionism" hergestellt worden. Danach haben Ökonomen zwar die Monopoleffekte gewerkschaftlicher Lohnsetzung immer und zu Recht betont, ihrer Analyse aber sind die ökonomischen Effekte der zwischen Gewerkschaften und Firmen ausgehandelten Regeln und Verhaltensgrundsätze entgangen. Die Quelle der Inspiration war Hirschman, dessen Buch "Exit, Voice, and Loyalty" die Rolle der Partizipation an Entscheidungen in Organisationen (Voice) als eine Alternative zur Mobilität (Exit) diskutiert. Eine Entscheidungspartizipation setzt häufig kollektives Verhandeln (z.B. Gewerkschaften) voraus, da wesentliche Aspekte der Arbeitswelt die Eigenschaften von öffentlichen Gütern haben und individuelle Arbeitskräfte ihre wahren Präferenzen aus Furcht vor Entlassungen häufig nicht äußern. Wenn die von Gewerkschaften ausgehandelten Regeln die negativ bewerteten Eigenschaften der Beschäftigungsverhältnisse schneller und besser korrigieren als das durch Mobilität möglich wäre, müßten freiwillige Kündigungen zurückgehen und die Dauer der Betriebszugehörigkeit zunehmen. Damit wären auch bestimmte Kosten für das Unternehmen rückläufig, besonders solche, die mit der betriebsinternen Bildung von Humankapital verbunden sind.

Gefragt worden ist natürlich, weshalb das Management erst durch gewerkschaftliche Organisation und kollektives Erheben der Stimme zu effizientem Handeln veranlaßt wird. Freeman und Medoff appellieren hier an Vorwissen und Erfahrung:

"The reader who believes that the industrial relations and personnel policies of management can affect the outcome of the economic system will find our results more believable than the reader who believes that all enterprises are always operating with perfect information in a way that makes profits as large as possible."

Die stärkere Berücksichtigung institutioneller Aspekte im Rahmen der ökonomischen Analyse dürfte der einzig erfolgversprechende Weg sein, um zu einer befriedigenden ökonomischen Theorie der Gewerkschaft zu kommen, weil nur auf diesem Wege dem empirischen Faktum Rechnung getragen werden kann, daß sich historisch ganz unterschiedliche Organisationsformen der Gewerkschaften in den westlichen Ländern herausgebildet haben. Die Existenz solch unterschiedlicher Organisationsformen verbietet es, umstandslos ökonomische Analysen der Gewerkschaften in bestimmten Ländern, die in der Regel implizit oder explizit auf ganz bestimmten institutionellen Regelungen der Gewerkschaften beruhen, auf andere Länder zu übertragen.

So belegt ein auch nur kurzer Blick auf die ökonomische Gewerkschaftsanalyse die Prädominanz insbesondere der amerikanischen Beiträge. Dies ist deswegen nicht unproblematisch, weil häufig Modelle, die für amerikanische Gewerkschaften entwickelt wurden, auf europäische und deutsche übertragen werden, ohne ihre andersartige Geschichte, institutionelle Struktur und ihre spezifischen Zielsetzungen in Rechnung zu stellen. Mit fast schon heroischem Mut zur Vereinfachung können die folgenden gemeinsamen Merkmale europäischer Gewerkschaften benannt und mit der amerikanischen Situation verglichen werden.

Die europäischen Gewerkschaften profitieren von einer umfassenden Anwendung der Kollektivverträge, weil auch die Arbeitgeberverbände über einen hohen Organisationsgrad verfügen. In vielen europäischen Ländern existiert darüber hinaus die Möglichkeit, Kollektivverträge über die vertragsabschließenden Parteien hinaus auf legislativem oder exekutivern Weg als verbindlich zu erklären. Dies mag erklären helfen, weshalb Fragen des gewerkschaftlichen Lohndifferentials nicht die entscheidende Bedeutung zukommt, die sie in den USA faktisch und in der wissenschaftlichen Literatur einnehmen.

Europäische Gewerkschaften sind häufig als Industriegewerkschaften zentralisiert, und schließen Kollektivverträge für Branchen ab. Ihre betriebliche Präsenz ist weniger ausgeprägt als die ihrer amerikanischen Partnerorganisationen, sie ist zum Teil durch Betriebsrätegesetze eingeschränkt. Allerdings ist in den letzten Jahren das Bemühen europäischer Gewerkschaften, eine festere Verankerung in den Betrieben zu erreichen und an kollektiven Verhandlungsprozessen auf betrieblicher Ebene direkt oder indirekt über die Betriebsräte zu partizipieren, unverkennbar.

Europäische Gewerkschaften sind im Vergleich mit den amerikanischen Institutionen politisch im Sinne einer engen Verbindung mit einer politischen Partei. Rudimentäre Anklänge einer kapitalismuskritischen Einstellung sind weiterhin auszumachen, jedenfalls haben sie nur selten jene ungebrochene marktwirtschaftsfreundliche, prokapitalistische Haltung entwickelt, die häufig von amerikanischen Gewerkschaften vertreten wird. Darüber hinaus genießen die Gewerkschaften in Europa eine größere gesellschaftliche Akzeptanz als in den USA, was dazu beitragen mag, ihnen einen wirtschafts- und sozialpolitisch weiteren Horizont zu eröffnen.

Die holzschnittartigen Kontraste sollen verdeutlichen, daß eine Übertragung von Ergebnissen der neueren amerikanischen Gewerkschaftstheorie auf europäische und speziell deutsche Gewerkschaften vieler Modifikationen bedarf. Auf einen viel kommentierten empirischen Befund sei in diesem Zusammenhang zusätzlich hingewiesen. In den USA wird der Rückgang des Organisationsgrades in den letzten Jahren häufig als eine Krise der Gewerkschaften interpretiert. Allerdings ist die Mitgliederentwicklung der amerikanischen Gewerkschaften auch nicht einheitlich, einer Abnahme im privaten Sektor der Wirtschaft steht eine Zunahme im öffentlichen Sektor gegenüber. Für die deutschen Gewerkschaften läßt sich hingegen feststellen, daß ihre Mitgliederzahlen von den ökonomischen Krisen der 70ger und 80ger Jahre nur wenig beeinflußt wurden. So drängt sich hier die Frage auf, ob die USA die deutsche und eventuell die europäische Entwicklung nur vorwegnehmen oder ob sich die Entwicklungspfade der Gewerkschaften getrennt haben.

Die in diesem Band veröffentlichten Beiträge decken wesentliche Bereiche der ökonomischen Gewerkschaftsforschung ab. In dem längeren Überblicksartikel von Addison wird die neuere theoretische und empirische Literatur dargestellt. Behandelt werden verschiedene Zielfunktionen, das Monopolmodell sowie das "Efficient Bargaining, Model" einschließlich der vorliegenden empirischen Studien, die Modellierung der gewerkschaftlichen Mitgliedschaft und die Probleme einer Darstellung der Gewerkschaften als demokratische Institutionen. Althammer untersucht die für die meisten Ökonomen zentrale Frage nach den Funktionen, die Gewerkschaften in einem marktwirtschaftlichen System übernehmen. Seine Antwort läuft darauf hinaus, daß Gewerkschaften hauptsächlich Informationsdienstleistungen für Arbeitnehmer erbringen, die dazu beitragen, Informationsasymmetrien zwischen den beiden Arbeitsmarktseiten zu verringern oder abzubauen. In dem Beitrag von Abraham wird eine Annahme der traditionellen makroökonomischen Theorie, daß Regierungen zumindest für eine gewisse Zeitspanne unabhängig sind, aufgegeben. Gewerkschaften und die Regierung kooperieren in einer Phase, bedrohen und bestrafen sich in der nächsten und sind um ihre Reputation besorgt. Der Autor arbeitet heraus, daß sich die Präferenzen der Gewerkschaften und Regierung für Beschäftigung und Reallöhne unterscheiden können und daß Strategien einer nachfrageseitigen Akkomodation oder Nicht-Akkomodation Auswirkungen auf Arbeitslosigkeit und Lohninflation haben. Eisen und Schrüfer zeigen, daß sich die Arbeitsumverteilung als Bestandteil eines effizienten Vertrages auffassen läßt und folglich Gewerkschaften und Arbeitgeber über Löhne und Arbeitszeiten verhandeln müssen. Im Gegensatz zu der von vielen Ökonomen und Politikern vertretenen Auffassung, daß von den Gewerkschaften verursachte Rigiditäten am Arbeitsmarkt Unterbeschäftigung verursachen, läßt Bellmanns Analyse von Effizienzlohnmodellen das gewerkschaftliche Handeln in einem günstigeren Licht erscheinen. Unter bestimmten Bedingungen können Arbeitsmarktrigiditäten durchaus effizienzsteigernd wirken. Schnabel schätzt Modelle der gewerkschaftlichen Mitgliederentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland. Das von ihm präferierte Modell kann im Beobachtungszeitraum 1955-1986 die jährliche prozentuale Veränderung der Mitgliederzahlen hinreichend gut erklären und vorhersagen. In dem Beitrag von Kraft wird für die Bundesrepublik Deutschland der Zusammenhang zwischen Gewerkschaften, Löhnen und Produktivität analysiert. Der Verfasser gelangt mit Hilfe verschiedener empirischer Überprüfungen zu dem Ergebnis, daß sich die von der Voice-Theorie behauptete produktivitätssteigernde Wirkung von Gewerkschaften nicht nachweisen läßt und daß die Fixierung der Beschäftigung recht gut mit dem Kontraktmodell erklärt werden kann. Meyer untersucht die Steigerungsraten der Ecklöhne, die sich aus den im Metalltarifbezirk Nordwürttemberg-Nordbaden in den Jahren 1962-1987 abgeschlossenen Lohntarifverträgen ergeben. Er zeigt, daß diese durch die Faktoren Arbeitsmarktanspannung, erwartete Inflationsrate, verzögerte Wachstumsdifferenz, gewerkschaftliches Mitgliederwachstum sowie einem auf das Jahr 1970 bezogenen Sondereinfluß bestimmt werden. In dem abschließenden Beitrag von Wahl werden tarifpolitische Strategien vor dem Hintergrund der gewerkschaftlichen Zielfunktion diskutiert. Betrachtet man die Maximierung der gewerkschaftlichen Beitragseinnahmen als ein wesentliches Argument der Zielfunktion, dann läßt sich nachweisen, daß in Zeiten einer Unterbeschäftigung Forderungen nach Arbeitszeitverkürzung zur budgetmaximierenden Strategie der Gewerkschaften werden können.


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