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Die ökonomische Theorie von Karl Marx

341 Seiten ·  29,80 EUR (inklusive MwSt. und Versand)
ISBN 978-3-7316-1216-2 (Oktober 2016 )

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Georg Quaas hat an der Universität Leipzig studiert. Nach einem Diplom in Physik (1974) promovierte er über das Thema der Entwicklung des physikalischen Zeitbegriffs (1979) und habilitierte sich mit einer Arbeit über die dialektische Methode von Karl Marx (1986). Parallel dazu begann er in einer Reihe von Publikationen die Arbeitswerttheorie umfassend mathematisch darzustellen. Diese Forschung wurde 2001 mit einem Buch zur "Arbeitsquantentheorie" abgeschlossen - so glaubte er jedenfalls. Doch seine Tätigkeit als empirisch arbeitender Volkswirt überzeugte ihn davon, dass die moderne Ökonomik der Werttheorie sehr viel mehr verdankt als gemeinhin angenommen wird. In dem vorliegenden Buch fasst er in verständlicher Form alle werttheoretisch relevanten Aspekte der ökonomischen Theorie von Karl Marx zusammen und zeigt Schnittstellen zur modernen Ökonomik auf. Dadurch werden nicht nur neue Einsichten gewonnen, sondern auch Probleme deutlich, die nur durch weitere Forschung gelöst werden können - nicht etwa jenseits des Mainstreams, sondern inmitten der theoretischen Grundlagen moderner Ökonomik.

Die Arbeitswertlehre von Karl Marx führt den Wert auf die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit zurück, die erforderlich ist, um Waren unter den gesellschaftlich-normalen Produktionsbedingungen herzustellen. Doch dieser Wert muss, um den Warentausch zu ermöglichen, als Tauschwert dargestellt werden oder im Preis erscheinen. Damit kommt ein weiteres Verhältnis ins Spiel, das oftmals übersehen wird: Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Nach Marx modifiziert dieses Verhältnis die Erscheinung des Wertes im Preis. Als zusammenfassender Ausdruck wird hier der Begriff des auf dem Markt geltenden Werts einer Ware geprägt und dem Konzept einer monetären Werttheorie entgegengestellt. Eine textgetreue und mit den exakten Instrumenten der Mathematik versehene Rekonstruktion der ökonomischen Theorie von Karl Marx ermöglicht es, im "Kapital" eine Theorie der Entwicklung des Geldes und darüber hinaus einen klassischen Ansatz der Preistheorie zu identifizieren. Die Darstellung grundlegender Gesetze der Werttheorie erlaubt die Ableitung von Phänomenen der Konkurrenz, die in der modernen Ökonomik, aber auch bei Marx, einfach vorausgesetzt werden. Im kapitalistischen Produktionsprozess erfährt die Werttheorie eine Konkretisierung, indem nicht nur die Wertbildung, sondern auch die Wertübertragung berücksichtigt wird. Die verbreitete Auffassung, dass Dienstleistungen keine Werte erzeugen, sondern konsumieren, wird mit zahlreichen Argumenten widerlegt. Erst durch das Einbinden der Dienstleistungen in den Prozess der Wertschöpfung kann die werttheoretische Grundlage der modernen Input-Output-Analyse (IOA) sichtbar gemacht werden. Eine Anwendung der IOA auf die Schemata der einfachen und erweiterten Reproduktion erzeugt eine Reihe von neuen Einsichten und Problemen, die ohne einen entwickelten mathematischen Apparat offenbar nicht erkennbar sind. Abschließend wird gezeigt, dass Ontologie, Entwicklungstheorie und Mathematik flexibel zusammenwirken, um die Werttheorie auf einem zeitgemäßen Niveau darzustellen.

Wirtschaft und Gesellschaft, 2020, Heft 1, S. 467-479 ()

Das zweite [neben Auf der Suche nach dem Ökonomischen - Karl Marx zum 200. Geburtstag, hg. von Rainer Lucas, Reinhard Pfriem und Claus Thomasberger] hier zu besprechende Werk, Georg Quaas' monografische Darstellung der "ökonomischen Theorie von Karl Marx", die sich um eine geschlossene mathematische Präsentation und Interpretation bemüht und daher, wie bereits bemerkt, in mancherlei Hinsicht von dem Marx-Sammelband differiert. Die von ihm vorgenommene Fokussierung auf die Arbeitswertlehre - die natürlich bei Marx eine andere Funktion hat als bei Smith und Ricardo, denn er versucht damit, die Kontinuität von Herrschaft und Ausbeutung bei Geltung marktmäßiger Äquivalenz nachzuweisen - begründet sich inhaltlich mit der zentralen Stellung, die sie im ökonomischen Werk von Marx einnimmt, methodisch mit dem Ziel des Verfassers, "eine den modernen Ansprüchen an eine ökonomische Theorie genügende, formal logisch einwandfreie Darstellung der Marx'schen Werttheorie zur Verfügung zu stellen" (S. 12). Wichtig ist sein Hinweis darauf, dass sein Modell "nicht nur aus mathematischen Formeln besteht, sondern stets auch eine sinnvolle ökonomische Interpretation der mathematischen Objekte [...] umfasst" (S. 16). Das erlaubt "sozusagen auf höherer Ebene, eine weitergehende qualitative Interpretation [...], die dann jene Aspekte der Marx'schen Theorie freilegt, die dem über die Ökonomik hinausgehenden Wissenschaftsanspruch des ,Kapital' zuzurechnen sind" (ebd.). Er vertritt den Standpunkt, "dass die wenigen algebraischen Formeln, die Marx selber produzierte, nicht ausreichen, um die quantitativen Strukturen zu erfassen, die in seinem ökonomischen Hauptwerk tatsächlich enthalten sind" (S. 17f). Quantitative Zusammenhänge zu erkennen, führe zu ",zusätzlichen' Einsichten" und sei "eine Voraussetzung für erfolgreiches Handeln in einem marktwirtschaftlichen Umfeld" (S. 17). Er widerspricht damit zugleich "der oberflächlichen Interpretation [...], die mathematische Modellierung des ,Kapital' thematisiere die Werttheorie in einer Weise, ,die sie ihrer Gebundenheit an eine warenproduzierende Gesellschaft entledigt'" (ebd.).

Diese generelle methodische Einstellung des Autors ist nachvollziehbar. Sie entspricht nach meinem Eindruck in etwa der Konklusion von Joan Robinson am Ende ihres Essays über die Marx'sche Ökonomie: "Marx, however imperfectly worked out the details, set himself the task of discovering the law of motion of capitalism, and if there is any hope of progress in economics at all, it must be in using academic methods to solve the problems posed by Marx.”

Während aber Joan Robinson Marx' Wertbetrachtung für das Hauptproblem und die wichtigste Quelle von "obscurity" hält und offensichtlich die Anwendung akademischer Methoden vor allem in der Eliminierung dieser Betrachtungsweise sieht, da jeder wichtige Gedanke ohne sie formuliert werden könnte, besteht die akademische Methode von Georg Quaas gerade umgekehrt in ihrer mathematischen und begrifflichen Präzisierung. Allerdings kommt er dabei zu Ergebnissen, die nicht allzu weit von Joan Robinsons Einschätzungen entfernt sind. Das erfordert nun aber zunächst einmal klare definitorische Festlegungen, die Quaas tatsächlich vornimmt, die sich aber bei Marx so eindeutig nicht finden lassen, vielleicht weil letzterer die Mehrdeutigkeit seiner Termini und die damit einhergehende Interpretationsvielfalt nicht für eine methodische Schwäche, sondern für einen dialektischen Vorteil hielt. Demzufolge besteht Quaas darauf, dass nicht jede "Vergegenständlichung" schon "entfremdete Vergegenständlichung" ist und dass "Verdinglichung" und "Vergegenständlichung" nicht zusammenfallen, auch wenn "die Verdinglichung in einer Gesellschaft u.U. zur Versachlichung und Entfremdung gesellschaftlicher Verhältnisse führen kann" (S. 40f) Dass gesellschaftliche Verhältnisse als oder durch Dinge erscheinen, ist trivial - wie sollten sie sonst erscheinen? -, entscheidend ist vielmehr, "dass die durch sie bedingten gesellschaftlichen Bestimmungen der Dinge als den Dingen innewohnende Eigenschaften oder (Wesens-)Kräfte gesetzt und auf diese Weise den Dingen übernatürliche Kräfte oder Eigenschaften zugeschrieben werden, aus denen dann - in völliger Verkehrung des wahren Zusammenhangs - das Verhältnis dieser Dinge untereinander, zu den Menschen und der Menschen untereinander entspringen soll" (S. 41).

Die dem Buch zugrundeliegende Herangehensweise beruht - im Anschluss an Jindrich Zelený - auf der Hypothese, dass "die nächsthöheren Verallgemeinerungen, von denen die Marx'schen Formulierungen ein Spezialfall sind, [...] allgemeine lineare Modelle" sind. Nach der Klärung der zentralen Begriffe "Gebrauchswert", "Wert" und "Tauschwert" und der mit ihnen zusammenhängenden Termini in den Kapiteln 2 bis 4 geraten sodann der "Preis" und seine unterschiedlichen Ausprägungen bei Marx in den Fokus der Präzisierung. Quaas argumentiert, Marxens Preistheorie sei "eine Theorie der auf dem Markt anerkannten oder geltenden Werte" (S. 153), Preise seien Marktwerte der Güter. Er resümiert: "Betrachtet man die Preistheorie als einen festen Bestandteil der ökonomischen Theorie von Marx und als eine notwendige Ergänzung ihrer werttheoretischen Grundlage, so stellt sich diese dar als eine Theorie geltender Werte. Für die theoretische Interpretation des ,Kapital' kann die Einbeziehung der gesamtgesellschaftlichen Nachfrage in den Preis, der den Marktwert darstellt, gar nicht hoch genug eingeschätzt werden" (S. 155). Denn das bedeutet in seiner Perspektive nicht, dass den Preisen und damit der Analyse von Ausbeutung ihre werttheoretische Grundlage entzogen wird, sondern vielmehr dass "die Marx'sche Kapitalanalyse [...] auch dann noch Gültigkeit beanspruchen kann, wenn die Preise von den Werten abweichen [...]". Dementsprechend spielt das Problem der Transformation von Werten in Preisen, das im Sammelband vor allem von Bertram Schefold diskutiert wird, bei Quaas so gut wie keine Rolle, und er entwickelt später im 8. Kapitel auch eine Modellierung des Reproduktionsprozesses, die ohne einen von den Preisen verschiedenen Wertevektor auskommt und die Analyse nur mit Größen durchführt, welche bereits in auf dem Markt geltenden Werten gemessen sind (vgl. S. 249).

Der vieldiskutierten Frage von Dienstleistungen als wertbildende Arbeit ist das ganze 7. Kapitel gewidmet, das eine klare Konklusion hat: "Wie immer sich Marx persönlich zur Frage der kategorialen Einordnung der Dienstleistungen positioniert hat - es liegt in der Konsequenz seiner Theorie, diese wegen ihrer Ähnlichkeit zur Lohnarbeit als einen Prozess zu betrachten, in dem sowohl Werte erzeugt als auch übertragen werden" (S. 208). Bei der formalen Analyse von einfacher und erweiterter Produktion wird Marx - ich meine: richtigerweise - aufgrund der feststehenden Mengenverhältnisse eine linear-limitationale Produktionsfunktion unterstellt (vgl. S. 288). Ein realistisches Modell eines nicht nur marktwirtschaftliches, sondern kapitalistisch organisierten Reproduktionsprozesses würde, das konzediert Quaas (vgl. S. 295f), nicht nur eine Preistheorie, sondern auch eine Theorie von Unternehmerentscheidungen auf Basis der Profitabilität der von ihnen betriebenen Prozesse erfordern, in die man entsprechende Aussagen bzw. Hypothesen von Marx zu integrieren hätte. Das aber würde zweifellos eine weit über den Rahmen dieses Buches hinausgehende Fortentwicklung der Marx'schen Theorie bedeuten. Das Buch schließt mit einer informellen (also: nicht formalisierten) Darstellung von systemtheoretischen Elementen im Marx'schen philosophischen Denken und einem intellektuell anregenden Anhang über "Wertausdrücke in der Ilias", die ja eine vorkapitalistische Wirtschaft beschreibt. Da es Marx nicht nur darum ging, "ökonomische und ökonomisch relevante Merkmale von Dingen und Prozessen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu erforschen, um sie dann adäquat darzustellen" (S. 300), sondern auch darum, in der Darstellung seines Objekts - die realen Verhältnisse in der Marktwirtschaft - auch dessen Entstehung und die daraus folgenden Konsequenzen zu erfassen, griff er methodisch auf die Dialektik Hegels zurück, "der ein ähnliches Problem zu lösen hatte" (ebd.), allerdings an einem anderen Objekt, nämlich der "Entwicklung des menschlichen Bewusstseins in der (geschriebenen) Geschichte der Menschheit" (S. 301). Wenn also der Wert als bloße Austauschbarkeit verstanden und damit verkürzt wird, so wird die ökonomische Theorie von Marx "unbotmäßig" (S. 305) reduziert. Der Wert muss, um den Warentausch zu ermöglichen, auch noch im Tauschwert oder im Preis erscheinen (vgl. S. 310). Damit kommt das - von Marx-Interpreten und -Anhängern oft übersehene - Verhältnis von Angebot und Nachfrage ins Spiel, das schließlich zu auf dem Markt geltenden Werten oder Marktwerten führt. Hier hat allerdings die ökonomische Standardtheorie vieles zu sagen, was sich aus Marx' Betrachtungsweise nicht ableiten lässt, aber Quaas zufolge dessen zentrale Einsichten auch nicht grundsätzlich in Frage stellt.

Alles in allem liefert Quaas eine anregende, logisch konsistente, formal ausgearbeitete und philosophisch begründete Rekonstruktion und Analyse von Marx' ökonomischer Theorie, die allerdings bestimmte definitorische Festlegungen erfordert, über deren Berechtigung man sich streiten kann (was ja auch orthodoxe Marxisten des Öfteren tun). Aber wenn wahrscheinlich auch nicht zu diesem Zweck gedacht, stellt diese Monografie doch eine (indirekte) Würdigung von Karl Marx zum 200. Geburtstag dar, deren Wert - wie auch immer definiert - keinesfalls geringer veranschlagt werden sollte als der Wert des Sammelbandes. Beide sind auf ihre Weise "auf der Suche nach dem Ökonomischen". Die Darstellung von Quaas hat das Verdienst, die methodische Anschlussfähigkeit von Marxens "Kritik der Politischen Ökonomie" an die Standards heutiger Wissenschaft ernst zu nehmen und so Ansatzpunkte für eine erneute Beschäftigung mit seinem Werk zu liefern."



Z - Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Nr. 112, Dezember 2017, S. 181-185 ()

"Marx nennt notwendige Bedingungen des volkswirtschaftlichen Gleichgewichts auf den Gütermärkten, aber er sagt nicht, dass sich diese auch einstellen müssen. Quaas referiert sie und zeigt, wie das System aus dem Gleichgewicht gerät und sich Schwankungen der Produktion verstärken, wenn die Prämissen des Modells variiert werden (284-296). Ein Vorzug seines Buches: Die Modellierung der Werttheorie hält sich streng an den Text des "Kapital". Marx selbst war bestrebt gewesen, seine Auffassungen in mathematischer Form darzulegen, da viele Kategorien der politischen Ökonomie quantifizierbar sind. So ist er den formalen Zusammenhängen zwischen Mehrwert, Profit, Mehrwertrate, Profitrate, den Bestandteilen und dem Umschlag des Kapitals ein Leben lang auf der Spur. Quaas geht darauf nicht ein. Und damit auch nicht auf die umstrittene Frage, ob die Durchschnittsprofitrate tendenziell fällt. Im Gegensatz zu anderen hält er den Wert für messbar. Zwar stimme es, dass jeder Warenproduzent die abstrakte Arbeitszeit nicht empirisch messen könne, "aber nicht, weil dies prinzipiell unmöglich wäre, sondern weil er keinen Zugang zu den Produktionsprozessen hat, die unabhängig von ihm betrieben werden und deren Merkmale in die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit eingehen." (82) Er hält die These, erst der Tausch verwandle die private Arbeit in gesellschaftliche, d.h. in wertbildende Arbeit, für eine Verfälschung der Marxschen Meinung. Der Wert existiert vor dem Tausch. Bei der Wertbestimmung beachtet er die Kompliziertheitsgrade der Arbeit, die sich proportional zum Wert der Arbeitskräfte verhielten und den Neuwert messen würden. (242f.) Marx hatte nur gesagt, die Erfahrung zeige, dass die Reduktion komplizierter auf einfache Arbeit "hinter dem Rücken der Produzenten" erfolge. (MEW 23: 59) Während einige Ökonomen behaupten, dass der Wert mit Proportionalität nichts zu tun habe, betont Quaas, dass der Wert das natürliche Gesetz des Gleichgewichts ist. Preise, die den Wert adäquat widerspiegeln, setzen voraus, dass Angebot und Nachfrage übereinstimmen. Schwankungen von Angebot und Nachfrage führen dazu, dass die Preise vom Wert abweichen, diesen dann verzerrt ausdrückten. ...

Die organische Zusammensetzung setzt Quaas - wie in der Literatur üblich - mit der Wertzusammensetzung des Kapitals gleich. Wie die Gleichsetzung von Endprodukt und Bruttoprodukt (254) sind das kleinere Mängel eines soliden Buches, durch das sich "orthodoxe" Marxisten bestätigt fühlen werden, auch wenn sich Quaas nicht für die Frage interessiert, ob die Manxsche Theorie wahr ist. Er leistet ihnen ungewollt Beistand gegen Neo- und Pseudomarxisten, die das Werk von Karl Marx entstellen und sich gegen Kritik zu immunisieren versuchen, indem sie behaupten, man könne die Richtigkeit einer Interpretation nicht durch einen einfachen Vergleich mit dem Text herausfinden. Für sie sei typisch, "bei jedem Konflikt mit dem Marxschen Text diesem irgendeine Ungenauigkeit zu unterstellen, ohne auf die Idee zu kommen, dass die eigne Interpretation fehlerhaft sein könnte." (44) Empfehlenswert, auch für Nicht-Mathematiker!"



Berliner Debatte Initial 28 (2017), S. 170-173 ()

"Im Oktober 1867, also vor ziemlich genau einhundertfünfzighundertfünfzig Jahren, ist der erste Band von "Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie" im Verlag von Otto Meissner in Hamburg erschienen. An diese Veröffentlichung waren überaus große Erwartungen geknüpft, handelte es sich hierbei doch um das lange angekündigte und von vielen sehnsüchtig herbeigewünschte ökonomische Hauptwerk des bedeutendsten Theoretikers der sozialistischen Bewegung, Karl Marx. Entsprechend groß war die Enttäuschung, als sich herausstellte, dass es sich bei diesem Buch um ein wissenschaftliches Werk, um eine, wie Friedrich Engels schrieb, "gelehrte Abhandlung" in der Tradition von Adam Smith, David Ricardo, Robert Malthus und John Stuart Mill handelte und nicht um ein billiges Machwerk linker Agitation. ... Statt der erwarteten Propagandaschrift und kommunistischen Heilslehre lieferte Marx ein theoretisches Fundamentalwerk über Wert, Geld, Arbeit, Mehrwert, Kapital, Akkumulation, Produktion und Reproduktion, das ohne ökonomische Vorkenntnisse und ohne eine gewisse Erfahrung mit analytischer und dialektischer Methodologie kaum verstanden werden konnte. Wilhelm Liebknecht soll beim Durchblättern des Buches vor Wut und Enttäuschung in Tränen ausgebrochen sein. Noch nie hatte ein Buch ihn derart enttäuscht wie Marx' "Kapital". Andere Politiker reagierten ähnlich.

Der wahre Wert des Werkes als theoretischer Fundierung der Kapitalismuskritik und seine daraus resultierende politische Sprengkraft wurden erst nach und nach erkannt, zum Beispiel durch Karl Kautsky, W. I. Lenin, Rosa Luxemburg, Rudolf Hilferding, Georg Simmel und Joseph A. Schumpeter. Sie würdigten die Schrift vor allem wegen ihrer wissenschaftlichen Solidität, bestechenden Logik und theoretischen Tiefe als "ökonomischen Klassiker".

Es gab im 19. Jahrhundert nur wenige Werke der ökonomischen Theorie, die auch nur annähernd an das Niveau von Marx' "Kapital" heranreichten. Diese Einschätzung kann jedoch nicht ungeteilt auf das 20. Jahrhundert übertragen werden. Mit der Weiterentwicklung der ökonomischen Theorie und der Qualifizierung der hier zum Einsatz kommenden Methoden wurde zunehmend gerade diejenige Eigenschaft in Frage gestellt, die das "Kapital" gegenüber anderen Werken bisher auszeichnete, nämlich seine Wissenschaftlichkeit. Dass es dazu kam, hat etwas mit dem Einzug, um nicht zu sagen Siegeszug, der Mathematik in die Geistes- und Sozialwissenschaften zu tun. ...

Einer Mathematisierung und logisch einwandfreien, anhand mathematischer Falsifikationstechniken überprüfbaren Modellierung ökonomischer Gesetze und verbal formulierter Aussagen aber stand und steht bis heute fast die gesamte marxistische Schule ablehnend bis feindlich gegenüber. Dies hatte zur Folge, dass das Werk von Marx mehr und mehr aus der rezipierten ökonomischen Theorie, der Volkswirtschaftslehre oder Ökonomik, herausfiel und sein wissenschaftlicher Wert inhaltlich wie methodisch zunehmend in Frage gestellt wurde. So gibt es zum Beispiel im deutschen Sprachraum heute kaum noch ein Lehrbuch der Volkswirtschaftslehre, worin Marx' Theorie halbwegs angemessen behandelt wird bzw. worin diese wenigstens mehr als nur eine historisch-kritische Erwähnung findet. Dies kontrastiert freilich mit dem gerade zuletzt wieder deutlich angewachsenen Interesse an der Marx'schen Theorie.

Die Lösung für dieses Dilemma könnte darin bestehen, das ökonomische Werk von Karl Marx so aufzubereiten, dass es den gegenwärtig geltenden wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Das heißt, neben die verbale Darstellung der Theorie, wie sie im "Kapital" von Marx selbst und später dann von Engels vorgenommen wurde, sollte eine formale und logisch stringente mathematisierte Darstellung dieser Theorie gesetzt werden. Dies wäre allerdings keine leichte Übung, sondern eine überaus große Herausforderung. Nichtsdestotrotz hat sich der Leipziger Physiker, Philosoph und Ökonom Georg Quaas seit längerem dieser Aufgabe angenommen. Seit den 1980er-Jahren hat er eine Reihe von Arbeiten hierzu vorgelegt, deren vorläufige Krönung das hier besprochene Buch ist. Der Titel verspricht eine umfassende Darstellung der ökonomischen Theorie von Marx, tatsächlich aber konzentriert sich die Abhandlung auf Grundkategorien und Grundzusammenhänge, wie sie Marx vor allem im ersten Band des "Kapitals" vorgenommen hat, also auf Begriffe wie Gebrauchswert, Wert, Tauschwert, Preis, Produktion und Reproduktion und die darin zum Ausdruck kommenden und damit verbundenen ökonomischen Beziehungen. Das Ziel seiner Arbeit sieht der Autor darin, "eine den modernen Ansprüchen an eine ökonomische Theorie genügende, formal logisch einwandfreie Darstellung der Marx'schen Werttheorie" vorzunehmen.

Der Autor zeigt, was sich wie bei Marx mathematisch darstellen lässt. Er geht dabei über die von Marx selbst vorgenommenen Schritte mathematischer Modellierung und den Gebrauch einfacher Formeln ... weit hinaus. Da Marx "nicht gerade der geborene Mathematiker war" (310), beschränkte er sich in seinen Zahlenbeispielen auf einfache algebraische Zusammenhänge. Selbst vor 150 Jahren wäre hier schon ein qualifizierterer Einsatz mathematischer Methoden möglich gewesen, z.B. durch die Anwendung der Infinitesimalrechnung. Dass Georg Quaas dies jetzt "nachholt", ist unbedingt als verdienstvoll einzustufen. Marx selbst hat ja immer wieder betont, dass die Mathematisierung einer Disziplin ein Gradmesser für ihre Wissenschaftlichkeit sei. Dem wird nun damit entsprochen.



Junge Welt, 7. Agust 2917, S. 10 ()

"An Büchern zu Karl Marx' Lehre mangelt es im Jubiläumsjahr des Erscheinens des "Kapitals" wahrlich nicht. Doch Georg Quaas' Buch ist anders als die meisten Darstellungen. Denn der Leipziger Ökonom präsentiert in seinem Buch eine mathematische Version der Werttheorie des großen Meisters. ... Doch die Anwendung der Mathematik am ökonomischen Objekt kann, wie die Input-Output-Modelle Wassily Leontiefs (1905-1999) zeigen, auch hilfreich sein. Diese beruhen auf den berühmten Reproduktionsschemata, mit denen Marx notwendige Bedingungen des volkswirtschaftlichen Gleichgewichts begründet. Er sagt nicht, dass sich diese einstellen müssen. Quaas referiert sie und zeigt, wie das System aus dem Gleichgewicht gerät und sich Schwankungen der Produktion verstärken, wenn die Prämissen des Modells variiert werden. Ein Vorzug seines Buches: Die Modellierung der Werttheorie hält sich streng an den Text des "Kapital". Marx selbst legte Teile seiner Auffassungen in mathematischer Form dar. Das war möglich, weil viele Kategorien der politischen Ökonomie quantifizierbar sind. Quaas widerlegt die verbreitete These, dass der Wert nicht messbar sei. ...

Georg Quaas kritisiert Neo- und Pseudomarxisten, die das Werk von Karl Marx entstellen und sich gegen Kritik zu immunisieren versuchen, indem sie behaupten, man könne die Richtigkeit einer Deutung nicht durch einen Vergleich mit dem Text herausfinden. Für sie sei typisch, "bei jedem Konflikt mit dem Marxschen Text diesem irgendeine Ungenauigkeit zu unterstellen, ohne auf die Idee zu kommen, dass die eigne Interpretation fehlerhaft sein könnte." Ein empfehlenswertes Buch, auch für Nichtmathematiker!"

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Doz. Dr. Georg Quaas
Georg Quaas Jahrgang 1951, Hochschullehrer an der Universität Leipzig, u.a. am Institut für empirische Wirtschaftsforschung (2003-2017). Beiratsmitglied der Forschungszeitschrift "Erwägen Wissen Ethik" (1988-2014), Mitglied der Gründungskommission des Instituts für Politikwissenschaft der UL (1991-1992), mehrmals Assoziierter des Correlates of War Projects der University of Michigan, Gründungsvater des Forschungsseminars "Politik und Wirtschaft" (2003) - hier mit den Büchern Booms, Busts und blinde Flecken sowie Bubbles, Schocks und Asymmetrien vertreten. Mehr Infos: www.georg-quaas.de [weitere Titel]
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