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Entwicklungstheorie, Finanzsoziologie, Menschenökonomie

Narrative einer anderen Soziologie

Herausgegeben und eingeleitet von Arno Bammé

533 Seiten ·  58,00 EUR (inklusive MwSt. und Versand)
ISBN 978-3-7316-1311-4 (Februar 2018 )

 
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Zu Beginn des 20. Jhs. wurde die Soziologie als Fachwissenschaft, so wie sie heute existiert, weitgehend festgeschrieben. Zwei Gründungsväter standen einander unversöhnlich gegenüber: Rudolf Goldscheid und Max Weber. Sie vertraten zwei völlig unterschiedliche Auffassungen von Soziologie.

Weber plädierte für eine Wissenschaft, in der Forschung und Lehre wertfrei erfolgen sollten. Die Vermischung von Sein und Sollen, die Ableitung ethischer Imperative aus wissenschaftlichen Erkenntnissen lehnte er ab. Im Gegensatz zu Weber, dessen verstehende Soziologie eine Soziologie des Seins ist, vertrat Goldscheid eine prospektive Soziologie des Werdens. Für ihn ging "der ganze Streit um die Stellung der Werturteile letzten Endes aus Fragen des akademischen Lehrbetriebes hervor". Forschung hingegen, schöpferische Wissenschaft, sei "ihrem innersten Wesen nach notwendig immer Gestaltung; Gestaltung ohne Wertung aber ist ein Ding der Unmöglichkeit!"

Die Soziologie eroberte sich ihren Platz unter den akademischen Wissenschaften zu einem hohen Preis. Sie wurde zu einem Beruf im Sinne von Fachkompetenz, wie Weber es vorausgesehen hatte. Statt auf gesellschaftlichen Fortschritt wurde das Interesse der Soziologen auf innerwissenschaftlichen Fortschritt, auf Erfolg und Anerkennung als spezialisierte Berufsgruppe innerhalb der Akademia gelenkt. Als Folge befindet über die gesellschaftliche Nützlichkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse heute nicht mehr die Wissenschaft selbst, sondern eine durch wechselnde politische Machtverhältnisse bestimmte staatliche Politik, die immer stärker durch Forderungen der Wirtschaft geprägt ist. Erst in jüngerer Zeit, im Streit zwischen "professioneller" und "öffentlicher Soziologie", zwischen "provinzieller" und "globaler Soziologie" finden die soziologischen Narrative Goldscheids wieder zunehmend Beachtung, Narrative, in denen viele Provokationen eines Ulrich Beck, Bruno Latour, Hans Immler oder Michael Burawoy vorweggenommen wurden. Insofern lohnt es sich, an die Kontroversen jener Zeit wieder anzuknüpfen, die, durch den Nationalsozialismus abrupt unterbrochen, in ihrer reichen Vielfalt und Kreativität kaum je wieder erreicht wurden.

Ordo, 2019, S. 442-452 ()

"Bammé geht auf Goldscheids Biografie ein und beleuchtet dessen Rolle zur Entstehungszeit der Soziologie als verspäteter Wissenschaft. Wie M. Haller blickt er auf das damalige Wien und Berlin als kreative Zentren von Wissenschaft und Kultur. Er reflektiert den Werturteilsstreit und widmet zehn Seiten dem Narrativ: Ethische Sozialwissenschaft.

Was Goldscheid von anderen Personen seiner Zeit unterschied, so Bammé, war weniger seine Interdisziplinarität noch gesellschaftspolitische Verankerung als vielmehr seine Zukunftsbezogenheit. Er war mehr als ein passiver Beobachter, der Erkenntnisse sammelt oder aus Annahmen ableitet. Auf weiteren 19 Seiten befasst sich Bammé mit Goldscheids Entwicklungstheorie, dem zweiten Narrativ. Darin weitere Ausführungen zu Darwinismus, Lamarckismus, Höherentwicklung (bzw. Richtungsdenken) und Evolution in Natur und Kultur. Gemäß Goldscheid ist Bildung nicht rein quantitativ als Kostenfaktor, sondern als höchst produktive Investition in die Qualität der Arbeitskraft zu sehen. Seine Beschreibung, was eine Menschenökonomie sein soll und welchen Fragen sie nachgehen soll, lässt seine Vorstellung rekonstruieren. Ihm war aber nicht verdankt fortzusetzen, daher die Sprache von unvollendeten Desideraten.

Auf den sechs Seiten zum Narrativ III beschreibt und reflektiert Bammé vertieft Goldscheids Idee einer Menschenökonomie vor dem Hintergrund seiner Entwicklungstheorie und Ethikauffassung. Er erwähnt weitere fächerübergreifende Dispute. Goldscheid hat alles andere als die Harmonie homogener Forschergruppen gesucht, wie auch M. Haller, Mikl-Horke u. a. schreiben. Im Narrativ IV: Finanzsoziologie und Staatskritik, kommt Bammé auf Goldscheids Staatsauffassung zu sprechen. Seiner Theorie der kulturellen Evolution folgend, sieht Goldscheid den Staat in der Verantwortung, die Menschen mittels Sozialpolitik zu fördern. Nur kurz tippt Bammé an, dass Goldscheid die Finanzwissenschaft als bloße Steuerrechtfertigungslehre beurteilte, die die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verflechtungen, Bedingtheiten und Auswirkungen übersieht. Weiter führt er aus, dass Goldscheids Kritik am Steuerstaat einen Systemwechsel intendiert. Auch Bammé bedient sich des neuerlichen Begriffs "Unternehmerstaat"."




the authors
Rudolf Goldscheid
Rudolf Goldscheid brach sein Philosophiestudium ab, als sich früh schriftstellerische Erfolge bemerkbar machten. 1907 war er in Wien Mitbegründer der Soziologischen Gesellschaft. 1909 war er Initiator und mit Ferdinand Tönnies, Max Weber und Georg Simmel Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) in Berlin. Im Werturteilsstreit war er Hauptkontrahent von Max Weber und Werner Sombart.
Prof. Dr. Arno Bammé
Arno Bammé Jahrgang 1944, Ordentlicher Universitätsprofessor an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt (Kärnten), Institut für Technik- und Wissenschaftsforschung, Direktor des Institute for Advanced Studies on Science, Technology and Society in Graz, Leiter der Ferdinand-Tönnies-Arbeitsstelle an der AAU, Fachvorstand der Sektion "Abendländische Epistemologie" beim Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen und Maßnahmen der hohen Hand in Berlin, bis zu seiner Emeritierung Vorstand des Instituts für Technik- und Wissenschaftsforschung an der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung. der AAU [weitere Titel]
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