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Monday, September 16, 2019
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Karl Marx und evolutorische Ökonomik
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Karl Marx und evolutorische Ökonomik

28 Seiten · 4,15 EUR
(August 2007)

 
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Aus der Einleitung:

Evolutorische Ökonomik im weiteren Sinne ist die Gesamtheit der Denkansätze oder Theorien, die die Wirtschaft in ihrer qualitativen Veränderung und als Teil der gesamten natürlichen, gesellschaftlichen und geistigen Evolution untersuchen. Sie wird unter dem Einfluß der neuen Theorien der Selbstorganisation in den Naturwissenschaften (Prigogine, Stengers 1981, Ebeling 1986, Jantsch 1992, Ayres 1994) seit den achtziger Jahren verstärkt ausgearbeitet, rezipiert und mit dem internationalen Journal „Evolutionary Economics“ seit 1991 etabliert. Im großen Gabler Wirtschaftslexikon erscheint der Begriff erstmalig in der 14. Auflage 1997. Im engeren Sinne ist die evolutorische Ökonomik eine theoretische Richtung der zeitgenössischen Wirtschaftswissenschaft,die im mainstream der traditionellen Theorie oder in ausdrücklicher kritischer Abgrenzung dazu nach Wegen sucht, die Defizite der herrschenden neoklassischen Theorie (Dominanz des statischen Gleichgewichtsdenkens, des Allokationsproblems) zu überwinden. Das Attribut evolutorisch unterstreicht die Verbindung zum allgemeinen Entwicklungskonzept, das allmähliche und sprunghafte, kontinuierliche und diskontinuierliche, evolutionäre und revolutionäre Veränderungen einschließt.

Die evolutorische Ökonomie ist eng verbunden mit dem Entstehen der ökonomischen Innovationstheorie in der Schumpeterschen Tradition, aber auch mit dem von Veblen begründeten Institutionalismus. Zu ihren Arbeitsrichtungen gehören neben der mathematischen Modellierung der Evolution einzelner Unternehmen und Technologien (Arthur 1984) empirische Untersuchungen zur Entstehung und Ausbreitung von Innovationen und umfassendere Ansätze der Analyse des technologischen oder technisch-ökonomischen Paradigmenwechsels (Dosi, Orsenigo 1988). Die evolutorische Ökonomik erfährt Impulse von den Theorien der Autopoiese, der Katastrophen- und Chaostheorie und der Theorie nichtlinearer Prozesse. Als neue Heterodoxie im ökonomischen Denken hat sie keine unitäre theoretische Struktur und es wird bezweifelt, ob eine solche wünschenswert ist (Witt 1991, 83). Der mainstream ist im übrigen ohne weiteres in der Lage, die Häresie auf vielfältige und flexible Weise zu konterkarieren, indem die empirischen Abweichungen als Sonderfälle behandelt und an den Rand gedrängt werden. Manche Modeökonomen, die auf den neuen Zug aufspringen, vermeiden tunlichst aufmüpfige Distanzierung von der herrschenden Theorie und tun so, als ob sie sich im Kontinuum ihrer Vervollkommnung befinden.

K. Marx war nach dem Zeugnis von J. Schumpeter der erste Ökonom im Vergleich zu seinen Zeitgenossen und seinen Vorgängern, den das Verständnis der wirtschaftlichen Evolution als eines besonderen, durch das Wirtschaftssystem selbst bedingten Prozesses auszeichnet (Schumpeter, 1964, 17). Die evolutorischen Aspekte der Marxschen Gesellschafts- und Wirtschaftstheorie sind vielfältig, selbst historisch begrenzt und unterliegen bis heute „der Parteien Gunst und Haß“ wie dem ungebrochenen Strom der wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Wie kommt es aber, daß aus der Evolution Devolution wurde, die lebendigen Kräfte dieser Theorie eingebannt werden konnten in das scholastische System des staatsoffiziellen Marxismus-Leninismus (= ML), das der Rechtfertigung des Bestehenden bis hin zur Rücknahme fundamentaler Erkenntnisgewinne der Menschheit diente? Wie wurde die Marxsche Vision einer klassenlosen Gesellschaft zum antievolutorischen Programm der Nomenklatura und ihrer wissenschaftlichen Hohepriester? Die Frage kann hier nicht ausreichend beantwortet werden, sie deutet auf historische Parallelen, in denen eine neue Lehre durch Kanonisierung und Dogmenbildung entschärft, umgewidmet und verfälscht wurde. Marx mit seinem Widerspruch zwischen Wissenschaft und eingreifendem Denken, zwischen kritischer Theorie und normativem Anspruch im Namen des Proletariats, des Demiurgen der Geschichte, als Verursacher des staatssozialistischen Desasters zu denunzieren ist zwar seit 1989 weit verbreitet, aber keineswegs überzeugend.


zitierfähiger Aufsatz aus ...
Die ökonomische Theorie von Marx – was bleibt?
Camilla Warnke und Gerhard Huber (Hg.):
Die ökonomische Theorie von Marx – was bleibt?
the author
Prof. Dr. Heinz-Dieter Haustein

1967 Professur an der Hochschule für Ökonomie, Lehrstuhl "Prognose und Planung von Wissenschaft und Technik", 1979 Berufung an das International Institute for Applied Systems Analysis IIASA in Laxenburg (Österreich); 1984 Berufung in den Wissenschaftlichen Rat des Internationalen Instituts für Management in Moskau (MNIPU), 1991-1997 Vorsitzender des Instituts für Innovationsmanagement e.V. in Berlin.