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Tätigsein in der Postwachstumsgesellschaft

262 Seiten ·  18,00 EUR (inklusive MwSt. und Versand)
ISBN 978-3-7316-1405-0 (September 2019 )

 
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Der hohe Ressourcenverbrauch und die Emissionen unseres Wirtschaftens sprengen die planetaren Grenzen. Trotzdem halten viele in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft am Ziel fest, die Wirtschaftsleistung weiter zu steigern. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass Wirtschaftswachstum ausreichend Arbeitsplätze schaffen soll.

"Tätigsein in der Postwachstumsgesellschaft" basiert auf folgender These: Wir brauchen eine Relativierung der Erwerbsarbeit, um uns aus der Abhängigkeit vom Wirtschaftswachstum lösen und innerhalb der planetaren Grenzen wirtschaften zu können. Voraussetzung dafür ist eine neue Gewichtung von Erwerbsarbeit und unbezahlter Arbeit sowie ein Umbau der Systeme der sozialen Sicherung und der Besteuerung, die bislang wesentlich auf Erwerbsarbeit beruhen. Auch brauchen wir mehr Zeit, Infrastrukturen und Anerkennung für andere Tätigkeiten als Erwerbsarbeit.


Irmi Seidl, Angelika Zahrnt
Erwerbsarbeit, Tätigsein und Postwachstum


Teil 1 - Grundlegendes

Andrea Komlosy
Zur geschichtlichen Entwicklung von Arbeit

Ernst Fritz-Schubert
Orientierung an Werten für das Tätigsein in der Postwachstumsgesellschaft

Stefanie Gerold
Neubewertungen von Arbeit: Vielfalt von Tätigkeiten ermöglichen und kombinieren


Teil 2 - Tätigsein konkret: Akteure

Corinna Fischer, Immanuel Stieß
Alternative Konsumformen: Soziale Teilhabe jenseits von Markt und Arbeit

Gerrit von Jorck, Ulf Schrader
Unternehmen als Gestalter nachhaltiger Arbeit

Norbert Reuter
Erwerbsarbeit im Spannungsverhältnis von Ökologie und Verteilungsgerechtigkeit. Die Rolle der Gewerkschaften

Theo Wehner
Frei-gemeinnütziges Tätigsein: Motive, Voraussetzungen, Gelingen


Teil 3 - Tätigsein konkret: Bereiche

Jonas Hagedorn
Formelle und informelle Sorgearbeit

Franz-Theo Gottwald, Irmi Seidl, Angelika Zahrnt
Tätigsein in der Landwirtschaft. Agrarkultur als Leitkonzept

Linda Nierling, Bettina-Johanna Krings
Digitalisierung und erweiterte Arbeit


Teil 4 - Sozio-ökonomischer Kontext

Gisela Kubon-Gilke
Soziale Sicherung in der Postwachstumsgesellschaft

Angela Köppl, Margit Schratzenstaller
Ein Abgabensystem, das (Erwerbs-)Arbeit fördert

Georg Stoll
Arbeit in Entwicklungs- und Schwellenländern

Infosperber ()

"Anderscht schaffe, nüme wachse

«Höhere Erwerbsquoten» forderte das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) vor zwei Wochen, um die «wachstumshemmenden Auswirkungen der demografischen Entwicklung», also der Alterung, in der Schweiz zu mildern. Vor allem die Erwerbsarbeit von Frauen und über 55-Jährigen gelte es zu erhöhen, befand das Seco und stützte sich dabei auf vier von ihm finanzierte Studien. Über dieses Begehren berichtete Infosperber leicht belustigt unter dem Titel "Schaffe, schaffe, wachse, wachse".

Kurz darauf stellten die Autorinnen Irmi Seidl und Angelika Zahrnt in Zürich ihr Buch «Tätigsein in der Postwachstumsgesellschaft» vor. Darin empfehlen sie just das Gegenteil: «Wir brauchen eine Relativierung der Erwerbsarbeit», schreiben sie im Klappentext, «um uns aus der Abhängigkeit vom Wirtschaftswachstum zu lösen und innerhalb der planetaren Grenzen wirtschaften zu können.»

In der Analyse stimmen Seco und Seidl/Zahrnt weitgehend überein: Beide betrachten die Erwerbsarbeit als wesentlichen Faktor, der das Wirtschaftswachstum antreibt. Doch während das wachstumsgläubige Seco dieses Wachstum ohne Rücksicht auf ökologische Verluste erhalten und stützen will, wollen die ökologisch orientierten Wachstumskritikerinnen Seidl/Zahrnt die Wirtschaft vom Wachstumszwang befreien respektive sie in die Ära des «Postwachstums» überführen.

Die Erwerbsarbeit ist - neben dem Einsatz von Geld sowie der Plünderung von Vorräten aus der Natur - nicht nur ein wichtiger Treiber des Wirtschaftswachstums, sondern verstärkt auch die Abhängigkeit von diesem Wachstum. Das rührt daher, dass die Steuereinnahmen des Staates und die Beiträge an die Sozialversicherungen eng mit der Erwerbsarbeit verknüpft sind: Weniger Erwerbsarbeit schmälert darum auch die Staatseinnahmen und die Finanzierung von Renten und Sozialversicherungen.

Aus diesen Gründen streben Seidl/Zahrnt zwei Ziele an: Sie wollen erstens den Anteil, den die Erwerbsarbeit am Leben der Menschen einnimmt, zurückdrängen und ersetzen durch andere Formen von «Tätigsein». Das Wort «Tätigsein» verwenden sie als Oberbegriff für bezahlte Erwerbsarbeit und alle andern, nicht mit Geld entlöhnten Aktivitäten. Dazu gehören etwa die Selbstversorgung oder Freiwilligenarbeit - vom politischen Engagement über Vereinstätigkeit bis zur unentgeltlichen Betreuung von Alten, Kranken oder Kindern.

Zweitens möchten die beiden Autorinnen Staatsaufgaben und Sozialsysteme, die heute schwergewichtig aus dem Einkommen der Erwerbsarbeit bezahlt werden (Steuern, AHV-Beiträge, etc.), vermehrt aus anderen Quellen finanzieren. Damit liesse sich die Abhängigkeit des Staates von der Erwerbsarbeit ebenso vermindern wie jene der auf Wachstum programmierten Wirtschaft.

Diese Erkenntnisse sind einfach und auch nicht ganz neu. Im 260 Seiten umfassenden neuen «Postwachstums»-Buch (ein erstes von Seidl und Zahrnt erschien 2010) vertiefen die beiden Haupt- und viele Gast-AutorInnen die hier zusammengefasste Analyse und die daraus abgeleiteten Empfehlungen.

Darin steckt viel Fleiss und viel Information, aber auch ziemlich viel Sprachschwulst, wenig Originalität und kaum Humor (der Schreibende hat beim Lesen kein einziges Mal gelacht). Das von Stiftungen mitfinanzierte Werk bietet eine hilfreiche und brave Übersicht über Alternativen zur wachstumsabhängigen Wirtschaft. Es versammelt Analysen und Empfehlungen, die in früheren Büchern schon zugespitzter, intellektuell brillanter, witziger und mitreissender formuliert worden sind.



Deutsche Vereinigung für Politische Bildung e.V., Homepage, 3.11.2019 ()

"360 000 Jobs werden in der deutschen Autoindustrie in den kommenden 10 Jahren verloren gehen, teils durch Produktivitätsfortschritte, teils durch Umstellung auf die einfacher herstellbaren Elektroautos, teils durch Ausbau des öffentlichen Verkehrs. So das Ergebnis einer im Auftrag des BUND erstellten aktuellen Modellrechnung. Das ist nur ein Beispiel für die Herausforderungen, die beim Umbau unserer Wirtschaft in naher Zukunft zu bewältigen sind. Während aber vor allem der Wandel des Lebensstils, die Suche nach geeigneten Instrumenten zu seiner Beeinflussung und die generelle Weichenstellungen zwischen Green New Deal und Postwachstumsgesellschaft diskutiert und erforscht werden, bleiben Fragen der Gesellschafts- und Finanzpolitik bisher weitgehend ausgeblendet.

Wie müssen das Erwerbsarbeits- und das Sozialsystem umgebaut werden, wenn diese Systeme vom Wirtschaftswachstum, wie wir es kennen, unabhängiger werden sollen? Das ist die Frage, der die 14 Beiträge des Sammelbandes nachgehen. Die Beiträge stammen von Expertinnen aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft, herausgegeben ist der Sammelband von Irmi Seidl, unter anderem Professorin für Ökologische Ökonomik an der Universität und an der ETH Zürich, und Angelika Zahrnt, unter anderem langjährige Vorsitzende des BUND und langjähriges Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung der deutschen Bundesregierung. Der gemeinsame Schlüssel zum Verständnis der genannten Herausforderungen ist das "Tätigsein" als Oberbegriff, der weit über die Erwerbsarbeit hinausgeht. Er umfasst, so die Herausgeberinnen, die Vielfalt menschlicher Arbeiten, die im Leben neben- und nacheinander getan werden und mit dem Anspruch verbunden sind, für den Einzelnen und die Gesellschaft gleichermaßen sinnvoll zu sein.

Die Beiträge diskutieren notwendige und förderliche Voraussetzungen für eine so verstandene Tätigkeitsgesellschaft, die sich vom Zwang des Wirtschaftswachstums schrittweise unabhängig macht: die Einführung einer finanziellen Grundsicherung wie etwa eines Mindesteinkommens- und einer Grundrente, der Umbau des Steuer- und Sozialversicherungssystems durch Verlagerung auf der Einnahmeseite von der Arbeit hin zu anderen Einnahmequellen wie Naturverbrauch, Kapitalerträge und Vermögen, die Bereitstellung von sozialen Infrastrukturen und die Etablierung sozialer Praktiken, die den Alltag unabhängig von der Verfügung über Erwerbseinkommen machen und auch die teilweise Selbstversorgung ermöglichen. Solche förderlichen Infrastrukturen sind, so die Herausgeberinnenin ihrem Einleitungsartikel, Gemeingüter (Gemeinschaftsräume, Werkstätten, Gärten), Unterstützungsnetze (Nachbarschaften, Selbsthilfestrukturen, Sozialdienste) und Strukturen für die Ermöglichung einer suffizienten und subsistenten Lebensweise (Repair-Cafés, Häuser der Eigenarbeit). Seidl und Zahrnt plädieren für die Schaffung von Experimentierräumen für neue Lösungen angesichts der drängenden Herausforderungen des Erwerbsarbeits- und des Sozialsystems (einschließlich seiner Finanzierung). Bei der Schaffung dieser Experimentierräume kommt es neben dem zivilgesellschaftlichen Engagement ganz wesentlich auf die finanzielle Unterstützung durch Stiftungen, "relevante Institutionen" und vor allem die öffentliche Hand an, die in ihren Haushalten dafür "feste Kategorien" vorsehen muss.

Ein für die politische Bildung, die auf der Höhe der Zeit sein will, überaus lehrreiches Buch. Und zwar auch deshalb, weil es im Kontext der Postwachstumsdiskussion nicht nur die Perspektive des globalen Nordens einnimmt, sondern auch aus der Perspektive des globalen Südens Vorschläge macht, wie eine nachhaltige Entwicklung auf einem Globus, der mit hoher Geschwindigkeit an die Grenzen des Wachstums stößt und an immer mehr Orten offensichtlich außer Kontrolle gerät, gelingen kann.



https://www.solarify.eu/2019/11/04/488-taetigsein-in-der-postwachstumsgesellschaft/

"Der hohe Ressourcenverbrauch und die Emissionen unseres Wirtschaftens sprengen die planetaren Grenzen. Trotzdem halten viele in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft am Ziel fest, die Wirtschaftsleistung weiter zu steigern. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass Wirtschaftswachstum ausreichend Arbeitsplätze schaffen soll. Was aber wird aus der Arbeit, wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst - oder nicht mehr wachsen soll? Das ist das Thema eines Buches, dessen Herausgeberinnen Irmi Seidl und Angelika Zahrnt die Antwort haben: aus der Erwerbsarbeit muss ein Tätigsein werden."

movum: Debatten zur Transformation, 16/2019, S. 2 ()

"Tätigsein - der Begriff spiegelt die Vielfalt der Formen von Arbeit wider. Im Buch steht er für die Weiterentwicklung der in der Wachstumsgesellschaft auf Erwerbsarbeit verengten Sicht auf Arbeit. Der Abbau des Wachstumszwangs ist eine der wichtigsten Aufgaben in der beginnenden sozial-ökologischen Transformation. Im Buch geht es um die Neugestaltung der Arbeitswelt und eine Neugewichtung der Erwerbsarbeit. Vorgestellt wird die Sorgearbeit als ein Kernbereich menschlicher Arbeiten in Postwachstumsgesellschaften, mit einem neuen Mix aus formeller und informeller Sorgearbeit. Für das Tätigsein in der Landwirtschaft wird Agrarkultur als Leitkonzept vorgeschlagen. Neben weiteren Themen wie dem Spannungsverhältnis von Ökologie und Verteilungsgerechtigkeit wird besonders die grundlegende Frage der zukünftigen sozialen Sicherung diskutiert. Ebenso wird eine zunehmende Besteuerung des Ressourcen- und Energieverbrauchs statt der Arbeitseinkommen vorgeschlagen."

Bauernzeitung Ostschweiz/Zürich, 1.11.2019, S. 5

"Laut den Autoren und Autorinnen von "Tätigsein in der Postwachstumsgesellschaft" gibt es kaum Forschung oder Vorschläge dazu, wie das Einkommens- und Sozialsystem alternativ aufgebaut werden könnte. Ihr Buch sollte den Bedarf und erste Ansätze aufzeigen. Weil Arbeit heute eine grosse gesellschaftliche Rolle spiele - für die soziale Anerkennung, Sozialversicherungen, Integration und finanzielle Existenz - sei ein Umbau des Systems nicht einfach. Die Landwirtschaft könne einen Beitrag leisten, indem sie sinnvolles Tätigkeitsein ermöglicht. Dazu braucht es auch eine Agrarpolitik, die Arbeit stärker fördert und weniger die Produktion und Fläche. Wichtig seien Experimentierräume für neue Modelle des Zusammenlebens und -arbeitens."

Sonnenseite, https://www.sonnenseite.com/de/tipps/taetigsein-in-der-postwachstumsgesellschaft.html ()

"Was wird aus der Arbeit, wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst - oder nicht mehr wachsen soll? Das ist das Thema eines Buches, dessen Herausgeberinnen die Antwort wissen: aus der Erwerbsarbeit muss ein Tätigsein werden. Was Tätigsein ist oder sein kann, erfährt der Leser, wenn er dieses Buch liest. Eine Einschätzung dazu von Professor Udo E. Simonis

Die beiden Herausgeberinnen hatten vor zehn Jahren im selben Verlag ein Buch mit einem ähnlichen Titel veröffentlicht: "Postwachstumsgesellschaft. Konzepte für die Zukunft". Warum nun dieses neue Buch mit dem seltsam klingenden Titel? Sie begründen es auf geschickte Art und Weise: In dem schon länger andauernden Transformationsdiskurs käme das Arbeits- und Sozialsystem kaum vor; das sei ein schwerwiegendes Defizit, denn die ökologisch notwendige Transformation in den vor allem fokussierten Sektoren Energie, Mobilität, Industrie und Ernährung werde durch mächtige Wachstumsinteressen gebremst, die vorgeben, Arbeitsplätze zu erhalten beziehungsweise zu schaffen und die soziale Absicherung zu gewährleisten. Es gelte deshalb die Dominanz der Erwerbsarbeit zu relativieren und viele neue Möglichleiten des Tätigseins zu fördern und zu entwickeln. Und dazu bedürfte es einer ernsthaften Auseinandersetzung um institutionelle Reformen und Visionen einer besseren Zukunft.

Dem entsprechend werden die beiden zentralen Begriffe des Buchtitels sorgfältig definiert: "Postwachstumsgesellschaft" heißt, dass (1) keine Politik zur Erhöhung des Wirtschaftswachstums mehr stattfindet; (2) dass wachstumsabhängige und wachstumstreibende Sektoren, Institutionen und Strukturen umgebaut werden; (3) dass Energie- und Ressourcenverbrauch auf ein nachhaltiges Niveau reduziert und der Verlust der Biodiversität gestoppt werden. Unter dem Begriff Arbeit wird üblicherweise bezahlte Erwerbstätigkeit in einem Normalarbeitsverhältnis mit sozialer Absicherung verstanden. Dem stellen die Herausgeberinnen den zweiten zentralen Begriff, das "Tätigsein", entgegen, als Oberbegriff für (1) die große Vielfalt möglicher Arbeit, inclusive Erwerbsarbeit; (2) für den Umstand, dass Menschen verschiedene Formen von Arbeit nach- oder nebeneinander wahrnehmen; und (3) für die Arbeit, die den Anspruch beinhaltet, für den tätigen Menschen wie für die Gesellschaft insgesamt auch sinnvoll zu sein.

Tätigsein kann bezahlt oder unbezahlt sein; Tätigsein entspricht dem Konzept der Mischarbeit; Tätigsein findet in einem Kontext statt, in dem Menschen ihre Fähigkeiten, Fertigkeiten und Interessen auch verwirklichen können. So zentral das Tätigsein für Menschen also ist oder sein sollte, so braucht es aber auch der Zeit für ein Nichts-Tun, für Muße, Nachdenken und Kontemplation.

Auf dieser Definitionsbasis entwickeln die Herausgeberinnen im einleitenden Beitrag die relevanten Ansatzpunkte für das Tätigsein in der Postwachstumsgesellschaft. Sie fokussieren dabei auf drei solcher Punkte: 1. Erwerbsarbeit relativieren und Erwerbsarbeitssystem umbauen; 2. Sozialsystem weiterentwickeln; 3. Förderlicher Kontext für die Transformation des Sozial- und Erwerbsarbeitssystems. ...

Die entsprechenden 13 Einzelbeiträge sind alle in höchstem Maße lesenswert. Sie zeigen viele Projekte und eine große Breite dessen, was in Zukunft möglich ist oder werden könnte. Und sie wurden von den Herausgeberinnen in hervorragender Weise organisiert: Die 9 Autoren und 10 Autorinnen werden umfassend und gut erkennbar vorgestellt, die einzelnen Beiträge beginnen alle mit einer kurzen Zusammenfassung und enden mit sehr ausführlichen Literaturangaben.

Fazit: Das von Irmi Seidl und Angelika Zahrnt herausgegebene neue Buch ist in höchstem Maße empfehlenswert. Es ist voll anregender Ideen zur Art und Weise, wie Wirtschaft und Gesellschaft sich in Zukunft entwickeln werden beziehungsweise entwickeln sollten. Der Begriff "Tätigsein" könnte im allgemeinen Sprachgebrauch heimisch werden, der Begriff "Postwachstumsgesellschaft" wohl eher nicht.



PS, 18.10.2019 ()

"Auf den Arbeitsaspekt, der allein schon riesig und komplex genug ist, konzentriert sich der Sammelband, den Irmi Seidl und Angelika Zahrnt vorlegen: ein topaktueller Nachtrag zu ihrem fast schon klassischen Reader zur «Postwachstumsgesellschaft» von 2010. Es geht um das «Tätigsein» in einem ökonomischen Umfeld, das sich zwar - nicht zuletzt durch die Digitalisierung - fortlaufend verändert, aber ohne ein erkennbar vernünftiges Ziel. Wenn schon Wandel, warum dann nicht gleich hin zur eigentlich längst allgemein als notwendig anerkannten nachhaltigen Entwicklung? Anhand der Arbeitswelt, die hier weitaus mehr als Erwerbsarbeit meint, wird differenziert und doch umfassend skizziert, wie diese Wende aussehen, unser tägliches Tun wieder Sinn bekommen könnte.

Exemplarisch etwa bei der Landwirtschaft, welche die Herausgeberinnen mit Franz-Theo Gottwald als Ko-Autor selber ausleuchten. Dass dieser in vielerlei Hinsicht nach wie vor elementare Bereich «in einer tiefen ökologischen, ökonomischen und sozialen Krise» steckt, ist kaum zu bestreiten, «und dies lokal, national und global». Mit der Klimafrage kam nur eine weitere Verschärfung hinzu. Die gegenwärtigen Subventionsregeln sind voll von Widersprüchen, schaffen fast mehr Probleme als sie lösen. Kritik kommt von allen Seiten. Eine wenig beachtete Konsequenz: «Zwölf Prozent der Schweizer LandwirtInnen leiden unter Burnout-Symptomen»; allgemein sollen laut der zitierten Studie von 2017 rund sechs Prozent der Bevölkerung betroffen gewesen sein. Es tauchen übrigens häufig Beispiele aus der Schweiz auf, was mit dem Berufsfeld von Irmi Seidl zusammenhängen dürfte. Sie wirkt als Professorin für eine ökologische Ökonomik an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft. Was an Agraralternativen umrissen wird, führt weg vom technik- und chemiezentrierten, am Weltmarkt orientierten Industriezweig, hin zu einer der Umwelt angepassten und wieder stärker lokal ausgerichteten Agrikultur. Ansätze dafür gibt es. Die «inzwischen jahrzehntelange Diskussion über die negativen Folgen der Agrarpolitik» hat längst alternative Methoden, Organisationsformen und konkrete Projekte hervorgebracht. Die wären politisch zu unterstützen, zumal dabei mehr menschliche Arbeit im Sinn von «guter Arbeit» anfällt - mit Teilzeit- und «Mischarbeit» sowie direktem Kontakt zwischen Produzierenden und Konsumierenden. Für andere Bereiche vielleicht modellhaft.

Auch die Situation im Pflegesektor oder unserer alternden Gesellschaft allgemein kommt als prekär in den Blick. In einer nicht ungewollt hereinbrechenden, sondern gestalteten Postwachstumsgesellschaft würde Erwerbsarbeit für alle weniger wichtig, wäre aufgrund der Arbeitszeitverkürzung mehr Zeit für Eigeninitiative und unentgeltliches Tun vorhanden. Jonas Hagedorn nimmt an, dass dann die Marktlogik zurückgedrängt, Achtsamkeit und Schutz in den Mittelpunkt gerückt würden. So könne etwas Neues entstehen, das sich «von der heutigen kapitalistischen Wirtschaft deutlich unterscheiden» würde. Allerdings dürfe unentgeltliche Sorgearbeit «nicht als Vorwand zum Abbau öffentlich bereitgestellter Dienste herangezogen werden», sonst trage «nur ein Teil der Bevölkerung unbezahlt und überproportional die Last». Wiederholt wird betont, dass generell mehr Gerechtigkeit zu schaffen ist. So leuchten Mitarbeiterinnen des Wiener Instituts für Wirtschaftsforschung auch die europaweit laufende Debatte um CO2- und andere Umweltsteuern unter diesem Aspekt aus. Auf dem neustem Stand und mit klarer Tendenz: Weg vom Besteuern der Arbeit, hin zu wirksamen Lenkungsabgaben. Statt endlos über Patentrezepte zu streiten, ginge es um einen geeigneten Mix, der die Vorteile einzelner Instrumente so kombiniert, dass ein Höchstmass an effektiver Klimapolitik erreicht wird. Bei vielem ist die Wirkung ja gar nicht kalkulierbar. Klar ist aber, dass hier «wie kaum in einem anderen Politikbereich» das Potenzial steckt, entscheidende Dimensionen zu verknüpfen, und dass die heutigen Abgabesysteme «aus Nachhaltigkeitssicht nicht mehr zeitgemäss» sind. Allein schon dieses Kapitel macht das Buch als nützliches Hilfsmittel für die Parlaments- (und auch Exekutiv-)Tätigkeit auf allen Stufen empfehlenswert.

Der prägnanteste, ja leidenschaftlichste Beitrag aber ist der letzte, so trocken sein Titel klingt: «Arbeit in Entwicklungs- und Schwellenländern.» Georg Stoll stellt unser Seilziehen um politische Problemlösungen in einen globalen Kontext, wo weit brisantere Konflikte drohen. Er würdigt die Anstrengungen auf UNO-Ebene, eine Nord-Süd-Zusammenarbeit unter gerechteren Bedingungen zu erreichen, blendet aber konzeptionelle Widersprüche und möglicherweise verhängnisvolle Dynamiken nicht aus. Selbst wenn es gelänge, einen neuen Wirtschaftsaufschwung in Niedrig- und Mitteleinkommensländern «sozial inklusiv» zu gestalten und damit «allen Erwerbssuchenden einen Zugang zu auskömmlicher und menschenwürdiger Arbeit zu verschaffen», würde dies ökologische Probleme eher noch verschärfen. Die optimistischen «Green Growth»-Szenarien sind nüchtern zu hinterfragen; das derzeit dominierende «Festhalten an der Zwei-Klassen- Weltgesellschaft» kann und darf keine Zukunftsoption sein. Obwohl die Steigerung von Wirtschaftswachstum mit immer mehr Produktivität «zum Kernbestand nationaler wirtschaftspolitischer Strategien» gehört und weltweit propagiert wird: Sie führt uns in eine Sackgasse. Es bleibt nur der Systemwandel, eine «sozial-ökologische Transformation». Was auch «Widerstand gegen bestehende Ausbeutungsverhältnisse» bedeutet, sowohl auf Menschen in aller Welt wie auf die Zerstörung natürlicher Lebensräume bezogen. Dass der bei einem kirchlichen Hilfswerk in der Abteilung Politik und globale Zukunftsfragen tätige Autor den Text mit einer Fussnote als quasi nicht amtliche Position deklariert, sagt einiges über noch zu leistende Aufklärungsarbeit aus."




the editors
Prof. Dr. Irmi Seidl
Irmi Seidl Leiterin der Forschungseinheit Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Eidg. Forschungsanstalt Wald, Schnee und Landschaft, Birmensdorf, Schweiz. Lehre zu Ökologischer Ökonomik an der Universität Zürich und der ETH Zürich. Arbeitsschwerpunkte: Flächen- und Ressourcennutzung, Siedlungsentwicklung, Naturschutz [weitere Titel]
Prof. Dr.  Angelika Zahrnt
Angelika Zahrnt Ehrenvorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Von 1990 bis 1998 Stellvertretende Vorsitzende, von 1998 bis 2007 Vorsitzende des BUND. Von 2001 bis 2013 Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung der deutschen Bundesregierung. Mitglied im Beirat des Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) Postdam und Fellow am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW, Berlin). 2006 und 2013 Verleihung des Bundesverdienstkreuzes, 2009 des Deutschen Umweltpreises. Ehrenvorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Von 1990 bis 1998 Stellvertretende Vorsitzende, von 1998 bis 2007 Vorsitzende des BUND. 2006 Verleihung des Bundesverdienstkreuzes, 2009 des Deutschen Umweltpreises. Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung der deutschen Bundesregierung und im Strategiebeirat Sozial-Ökologische Forschung des deutschen Bundesforschungsministeriums. [weitere Titel]
dem Verlag bekannte Rezensionen
  • "viel Information" ...
    mehr...
  • "überaus lehrreiches Buch" ...
    Deutsche Vereinigung für Politische Bildung e.V., Homepage, 3.11.2019 mehr...
  • https://www.solarify.eu/2019/11/04/488-taetigsein-in-der-postwachstumsgesellschaft/
  • https://www.solarify.eu/2019/11/04/488-taetigsein-in-der-postwachstumsgesellschaft/ mehr...
  • "Abbau des Wachstumszwangs" ...
    movum: Debatten zur Transformation, 16/2019, S. 2 mehr...
  • "Experimentierräume" ...
    Bauernzeitung Ostschweiz/Zürich, 1.11.2019, S. 5 mehr...
  • "voll anregender Ideen" ...
    Sonnenseite, https://www.sonnenseite.com/de/tipps/taetigsein-in-der-postwachstumsgesellschaft.html mehr...
  • "Aufklärungsarbeit" ...
    PS, 18.10.2019 mehr...
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