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Wissensgesellschaft
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Wissensgesellschaft

Kollektive Intelligenz und die Konturen eines kognitiven Kapitalismus

27 Seiten · 5,63 EUR
(Januar 2008)

 
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Aus der Einleitung:

Moderne Organisationen und Gesellschaften befinden sich im Umbruch zu wissensbasierten Systemen. Neben die traditionellen Infrastrukturen der Macht und des Geldes tritt mit zunehmendem Gewicht Wissen als Operationsbedingung und als notwendige Steuerungsressource. Wissen im Allgemeinen und Expertise als systematisiertes und organisiertes Wissen im Besonderen verändern soziale Ordnung kontinuierlich, seit die Verwendung von Wissen nicht mehr altes, unvordenkliches Wissen betont, sondern neues Wissen.

Von einer Wissensgesellschaft oder einer wissensbasierten Gesellschaft lässt sich sprechen, wenn die Strukturen und Prozesse der materiellen und symbolischen Reproduktion einer Gesellschaft so von wissensabhängigen Operationen durchdrungen sind, dass Informationsverarbeitung, symbolische Analyse und Expertensysteme gegenüber anderen Faktoren der Reproduktion vorrangig werden. Die Idee der Wissensgesellschaft als mögliche Form nach-industrieller und nach-kapitalistischer Gesellschaft hat nichts zu tun mit dem abwegigen Modell einer Wissenschaftsgesellschaft. Jedenfalls für den Fall moderner Gesellschaften kann nicht ein Funktionssystem, sei es Politik, Ökonomie oder Wissenschaft, für das Ganze stehen, ohne die Gesellschaft insgesamt zu deformieren. Zugleich sollte klar sein, dass auch in einer Wissensgesellschaft nicht alle Kommunikationen von Kriterien des Wissens geprägt sind. Damit ist gesagt, dass von einer Wissensgesellschaft nur gesprochen werden sollte, wenn qualitativ neue Formen der Wissensbasierung und Symbolisierung alle wesentlichen Bereiche einer Gesellschaft durchdringen.

Die Wissensgesellschaft existiert noch nicht, aber sie wirft ihre Schatten voraus. Mit dem „Sieg“ der Gesellschaftsform der kapitalistischen Demokratie über den Sozialismus, dem Aufbau leistungsfähiger globaler digitaler Datennetze und der Verdichtung globaler Kontexte für lokales Handeln verliert der moderne Nationalstaat schrittweise Elemente seiner Bedeutung. Mit der Höherstufung von Produkten und Dienstleistungen zu wissensbasierten, professionellen Gütern verlieren die herkömmlichen Produktionsfaktoren (Land, Kapital, Arbeit) gegenüber der implizierten oder eingebauten Expertise dramatisch an Bedeutung und damit mutiert die moderne kapitalistische Ökonomie schrittweise zu einer post-kapitalistischen, wissensbasierten Produktionsform – zu einer ersten Ausprägung eines kognitiven Kapitalismus im Kontext der Wissensgesellschaft. Beide Elemente zusammen verändern das Gesicht der modernen Arbeits- und Wohlfahrtsgesellschaften grundlegend. Die für entwickelte Gesellschaften relevante Form der Arbeit wird Wissensarbeit, während herkömmliche Formen der „einfachen“ Arbeit von Maschinen übernommen werden oder in die noch verbliebenen Billiglohnländer abwandern. Der „Wohlfahrtsstaat“ zerbricht an seiner Überforderung durch Sozialleistungen und Subventionen, die in einer sich globalisierenden Wirtschaft nicht mehr nationalstaatlich organisierbar und kontrollierbar sind. In einer polit-ökonomischen Perspektive provoziert die Wissensgesellschaft die Frage: Was sind die Kollektivgüter der Wissensgesellschaft? Die Antwort mag überraschen: Es gibt neben den drei klassischen Kollektivgütern nur ein einziges neues solches Gut – kollektive Intelligenz. Dies klingt nach einem für die Wissensgesellschaft, aber der Eindruck täuscht. Tatsächlich bezeichnet kollektive Intelligenz eine emergente Eigenschaft von Sozialsystemen, die nicht auf der bloßen Aggregation individueller Intelligenzen gründet, sondern auf einer eigenständigen Intelligenz des Systems selbst. Nur für diese Komponente kommt in der Wissensgesellschaft auf die Politik eine neue Staatsaufgabe zu, wenn und soweit sich ein politisches System dafür verantwortlich erklärt, der Genese der Wissensgesellschaft durch entsprechende Infrastrukturen und Suprastrukturen den Weg zu bereiten. Streng analog lässt sich der legitime Aufgabenbereich eines Sozialstaates dadurch eingrenzen, dass es nicht um eine benevolent erscheinende Steigerung des individuellen Glücks geht, sondern darum, den unvermeidbaren kollektiven Risiken und Gefährdungslagen einer hochkomplexen Gesellschaft durch kollektive Systeme der Vorsorge und Versicherung zu begegnen, wenn und soweit dies individuelle Verantwortung übersteigt, also auf individuell nicht steuerbaren Systemdynamiken beruht.


zitierfähiger Aufsatz aus ...
Kognitiver Kapitalismus
Hanno Pahl, Lars Meyer (Hg.):
Kognitiver Kapitalismus
the author
Prof. Dr. Helmut Willke

Professor für Staatstheorie und Global Governance am Fachbereich Soziologie der Universität Bielefeld

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